Art. Nummer Autor Datum
2 Hayrî Demir 13.06.2011

„Vier Elemente“, zu Kurdisch „Çar cewher“ od. „Çar qismet“. Unter dem Begriff „Vier Elemente“ werden alle Elemente der Erde zusammengefasst und haben im êzîdîsch-mythologischen Sprachgebrauch auch andere Namen. Jedes der „Vier Elemente“ beschreibt mehrere Eigenschaften. Beispielsweise ist mit dem Begriff Erde nicht nur der Boden gemeint, sondern alle Stoffe, Elemente und Materien die der Boden beinhaltet, z.B. Metalle wie Gold, Silber, Eisen usw. Diese „Vier Elemente“ sind im Êzîdentum heilig. Die Umwelt in ihrer Gesamtheit spielt sowohl im alltäglichen Leben der Êzîden (z.B. das Verbot auf den Boden zu spucken) als auch in der Mythologie eine bedeutende Rolle.

Êzîdîsche Mythologie

In der êzîdîschen Mythologie tragen die „Vier Elemente“ folgende kurdische Bezeichnungen: Feuer, kurd. „Agir“ Erde, kurd. „Ax“ Wasser, kurd. „Av“ Luft, kurd. „Ba“ Die „Vier Elemente“ stammen aus der Urperle (kurd. Dur):

Qewlê Şêxûbekir, S. 5
Pedşê min cebar e – Mein Herr ist der, der vereint
Ji durê erfan dibûn çar e – Aus der Perle entstanden Vier
Axe, ave, baye û agir e – Erde, Wasser, Luft und Feuer
 

Somit sind diese „Elemente“ und alles auf der Erde ein Teil Gottes, das heißt ein Teil seines heiligen Lichtes (kurd. Nûr). Die  „Elemente“ bilden die Grundlage des Lebens. Aus diesen Elementen besteht alles auf der Erde, auch der Mensch. So wurde der Körper des ersten Menschen Adam (kurd. Adem) aus den „Vier Elementen“ geschaffen, was aus folgendem êzîdîschen Gebet hervorgeht:

Qewlê afirandina kinyatê, S. 30
Axe, ave, baye û agirî – Es ist die Erde, das Wasser, die Luft und das Feuer
Qalibê Adem pêxember jê nijinî – Aus denen der Körper Adams geformt wurde

Der menschliche Körper ist somit die perfekte Kombination aller irdischen Elemente. So braucht der Mensch auch jene Elemente um zu überleben. Das Wasser zum Trinken, die Luft zum Atmen, die Erde als festigendes und stabilisierendes Element (z.B. Eisen) und Feuer als wärme- und energiespendendes Element (z.B. Sonnenlicht für Wärme und Wachstum) Für das Menschenverständnis des Êzîdentums bedeutet dies, dass alle Menschen, unabhängig von ihrer Religion und ihrer Herkunft, Gottes Geschöpfe und somit gleich sind. Jegliche Unterdrückung oder Ungleichbehandlung stellt eine Missachtung der Schöpfung Gottes dar.

Feuer

Das Feuer symbolisiert in der êzîdîschen Mythologie insbesondere die Sonne. Die Sonne ist für Êzîden das sichtbare Symbol Gottes, ohne die es kein Leben geben kann. Für Êzîden ist die Sonne rein, so dass zu vielen religiösen Feiern, wie z.B. zu Batizmî, Êzîden mit ihren Hände über ein bestimmtes Feuer fahren und anschließend über ihr Gesicht streichen, um für Glück und Gesundheit zu bitten. Das Feuer spiegelt auch die monotheistische Ansicht der Êzîden bezüglich ihrer Gottesvorstellung wieder. Als dualistisches Element, das zum einen wärmt und für Wachstum sorgt, aber auch verbrennen und zerstören kann, vereint das Feuer in einem einzigen Prinzip die Eigenschaften des Schöpfer Gottes. Die êzîdîsche Religion spricht nur von einem Gott, der sowohl das Gute als auch das für den Menschen Böse in Händen hält.

Qewlê Şêşims, S. 43, Z.3
Destekî Şêşims dojeye yek buhişt e – Eine Hand Gottes ist das Feuer (bzw. Hölle), eine Hand das Paradies

Wasser

Das Wasser symbolisiert die „Tiefe Weisheit“, als augenscheinlich unendlich vorhandenes Element. In den heiligen Texten der Êzîden wird es als „Behrê kûr“ (dt. „Tiefes Meer“) bezeichnet. Die Quellen, die aus dem Heiligtum Laliş entspringen sind den Êzîdî heilig. Namentlich wären hier vor allem die Quellen „Kanîya sipî“ (dt. „Die weiße Quelle“) und „Kanîya Zimzim“ (dt. „Quelle der Zusammenkunft“, in Anspielung auf Shêxadîs Wirken und als Schöpfer dieser Quelle) zu nennen.

Mit dem Wasser des Kanîya sipî werden Kinder mit dem Siegel der êzîdîschen Zugehörigkeit versehen. Diesen Vorgang nennt man im Kurdischen „Mor kirin“ (dt. „besiegeln“). Es ist ein symbolischer Akt, der eine spirituelle, reinigende Wirkung des Körpers als Ziel hat. Die Erde bestand nach êzîdîscher Mythologie zunächst nur aus Wasser, mit einem Teil der Urperle als Kern. Erst als „Hefe“ (kurd. „Havên“) in das Wasser gegeben wurde, entstand aus dem emporsteigenden Rauch der Himmel. Somit gilt der Himmel als ebenso heilig und rein. In vielen weiteren mythologischen Erzählungen spielt das Wasser eine besondere Rolle, z.B. was das „Kas“ angeht, einem heiligen mit Wasser gefüllten Becher, der den Körper von innen reinigt. So musste dem ersten Menschen Adam zunächst vom heiligen „Kas“ eingeflößt werden, bevor er von den Engeln ins Paradies gebracht werden konnte.