Art. Nummer Autor Datum
152  Pîr Dîma
Übersetzt aus dem Kurdischen von Ilyas Yanc
Ergänzungen von Hayrî Demir
01.04.2012

Allgemein

Mîr Thasîn Beg, amtierender Mîr

Der Mîr ist das weltliche Oberhaupt der Eziden. Die Institution des Mîr ist die höchste Autorität innerhalb derezidischen Gemeinschaft, dessen Beschlüsse für alle Eziden verbindlich sind. Der derzeit amtierende Mîr ist Mîr Thasîn Beg.

Die Familie des Mîr gehört dem Sheikh-Gruppe der Qatanî, genauer der Familie der Nachfahren von Şêxûbekir an. Nur Angehörige dieses Stamms sind derzeit befugt, die Würde des Mîr zu erlangen.

 

Name

Die Quelle des Begriffs Mîr kann auf bis 5.350 Jahre v.Chr. auf die Indoarische Sprache zurückgeführt werden.
Unter arabischem Einfluss wird  Mîr mit  (Mihrr, übersetzt „Fürst“) oder auch Beg (übersetzt „Stammesfürst“) übersetzt. Mîr Alî Beg wird beispielsweise auch der Fürst von Sheikhan (Mirê Şêxan) genannt.

Laut Pîr Xidirê Silêman ist das Wort „Mîr“ eine altkurdische Bezeichnung für Sonne.[1] Hier ist anzuführen, dass der Linguist Beghyani Shadi Sharin[9] die Quelle des kurdischen Begriffs Mîr auf den Sonnengott Mit(h)ra zurückführt. Nach ihm sieht die Entwicklung des Begriffes Mîr wie folgt aus:

– Neukurdisch(ca. 1.000 n.Chr. bis heute): Mîr
– Mittelkurdisch (ca. 500 v.Chr. bis ca. 1.000 n.Chr): mihr/*mitǝr  
– Altkurdisch (ca. 1.000 v.Chr. bis ca. 500 v.Chr.): *miϑ/tra- [mitʰra-] ≈ medî mitra-, avestî {miϑra-}, sanskrîtî {mitrá-} «xwadê Mitra»   
– Präkurdisch (ca. 1.500 v.Chr. bis ca. 500 v.Chr.): *[H]mitʰra-/*[H]mitra-  
Protokurdisch (ca. 1.700 v.Chr. bis ca. 1500 v.Chr.): *[H]mitʰra-/*[H]mitra- 
Proto-iranisch-arisch (zwischen 2.000 v.Chr. und 1.650 v.Chr.): *[H]mitra-  
– .
– .
– .
Spät Indoarisch [germanisch/europäisch] (zw. 3.350 v.Chr. und 3.000 v.Chr.): *[H]mitro-  

Mit(h)ra, der Gott des „Bündnisses, Vertrages“ hat wesentliche Verbindungen zur ezdidischen Mythologie, was z.B. in dem Fest Cimaya Sheikhadî deutlich wird.

Die Verbindung zum Sanskrit lässt sich außerdem an einer Reihe weiterer Beispiele innerhalb des ezidischen Wortgebrauchs erkennen, wie z. B. in dem Namen des obersten Erzengel Tawisî Melek[2].

 

Aufgaben

Meyan Xatûn, geb. 1873, kirg. 1957, übernahm die Führung der ezidischen Gemeinschaft als Nachfolgerin ihres Mannes Mîr Saîd Beg und als Vormund ihres Sohnes Mîr Thasîn Beg und war somit die erste Frau in diesem Amt

Der Mîr besitzt innerhalb der ezidischen Gesellschaft eine Herrschaftsfunktion. Sie umfasst die Vollmacht für politisches Handeln nach außen und die Entscheidung über religiöse Gebote und Verbote nach innen. Bei Konflikten zwischen ezidischen Stämmen schreitet er als Vermittler ein. Weiterhin ernennt und entlässt er das religiöse Oberhaupt der Eziden, den Baba Sheikh. Der Mîr ist somit für politische als auch für religiöse Fragen und Angelegenheiten die entscheidende Instanz. Der Bavê Şêx und/oder auch Extîyarê Mergehê fungiert dabei als wesentlicher Berater in religiösen Fragen. Auch die Mitgliedschaft im Religiösen Rat bedarf seiner Zustimmungen.

Das Aufsuchen der Êzîden mit der heiligen Tawis-Standarte bedarf seiner Zustimmung. Weiterhin ist der Mîr für die Aufrechterhaltung und Modernisierung des Zentralheiligtums Lalisch zuständig, wofür er die Abgaben der Êzîden (Fito) aufwendet.

Der Mîr steht in der Pflicht, allen hilfsbedürftigen Êzîden jede mögliche Hilfeleistung entgegen zu bringen[10].

Trotz seines hohen Ranges sind die Fünf Grundpflichten auch für den Mîr eine Verpflichtung. So muss auch er sich wie alle Eziden an die Ge- und Verbote der ezidischen Religion halten.

 

 

Berufung

Noch zu Lebzeiten bestimmt der amtierende Mîr seinen Nachfolger. Dieser muss wie der Mîr über außerordentliches Wissen über das Ezidentum verfügen und zudem beweisen, dass er für die Grundlage politischen Handelns bspw. Geschick und Rhetorik beherrscht.

Ist der Mîr bei der Wahl seines Nachfolgers nicht sicher, überlässt er die Entscheidung dem ezidischen Volk.[3]

 

Geschichte

Mîr Hisên Beg und sein Bruder Ebdî Beg

Die Führung der Eziden übernahm die Familie des Mîr im 14. Jahrundert. Auslöser für den Führungswechsel waren Zwistigkeiten zwischen den Shemsani-Sheikhs und Adani-Sheikhs. Die jetzige Fürstenfamilie der Eziden sind Nachfahren des Mîr Melek, Sohn des Mîr Mihemed Batini, aus der Familie von Mîr Brahim, Sohn von Darwesh Adem Qatani. Die Fürstenfamilie sieht sich als legitimer Stellvertreter von Shikhadi. Im Osmanischen Imperium wurde der Mîr als Prinz der Eziden anerkannt. Nach der Gründung des Iraks wurde er als Führer der Eziden gebilligt.

Als Hauptvertreter der ezidischen Religion war und ist der Mîr beliebtes Angriffsziel extremistischer Taten. Eine Vielzahl der Mîre kam in der Vergangenheit durch Mordanschläge um. Zwei exemplarische Beispiele zum noch amtierenden Mîr Tahsîn Beg:

14.02.1992: Mehrere schwer bewaffnete Personen greifen den Wagen des Mîrs an. Der Fahrer sowie sein Begleiter werden dabei getötet. Der Mîr wird von mehreren Kugeln getroffen, überlebt schwerverletzt[4].

17.09.2003[5]: Auf dem Weg von Baadre nach Al Qosh wird der Wagen des Mîrs von einem anderen Wagen aus mit einer Handgranate beworfen, die den Wagen knapp verfehlt. Drei Männer schießen danach mit Kalaschnikows auf den Wagen des Mîr, woraufhin seine Leibwächter das Feuer erwidern und die Angreifer zum Rückzug drängen. Der Mîr erleidet leichte Verletzungen.

 

Sitz

Der Sitz des Mîr ist in Baadre (Badra Mîra), was im Sheikhan-Gebiet liegt.

 

Eine Auswahl von Mîrs

Mîr Alî Beg

Mîr Tahsîn Beg (amtierend)

Mîr Alî Beg (19. Jahrhundert; ermordet)[6]

Mîr Hassan Beg (16. Jahrhundert)

Mîr Hisên Begê Dasinî (16. Jahrhundert, ermordet)[7]

Mîr Cefer Dassinî (9. Jahrhundert, ermordet)[8]

 



[1]Silêman, Pîr Xidir: Der Religionsrat der Yeziden (o. J.), http://www.yeziden.de/religionsrat_yeziden.0.html (Stand: 25.03.2012)

[2]Demir, Hayri: Die Kraft und Intention durch das Prinzip Tawisî Melek (2011), http://www.ciwanen-ezidi.de/pdf/Die_Kraft_und_Intention_durch_das_Prinzip_Tawisi_Melek.pdf (Stand: 25.03.2012)

[3]Tolan, Kemal und Telim: Interview mit dem Oberhaupt der Yeziden – Mir Tahsin Saied Beg (April 1999), www.yeziden.de/35.98.html (Stand: 27.03.2012)

[4]Silêman, Pîr Xidir und Tolan, Telim: Yeziden in ihrer Heimat – Opfer doppelter Verfolgung (1997), http://www.yeziden.de/100.0.html (Stand: 27.03.2012)

[5]Dengê Êzîdiyan: Anschlag auf Oberhaupt der Yeziden – Mir Thasin (2003), http://yeziden.de/forum/board8-yeziden/board15-gesellschaft/480-attentat-auf-oberhaupt-der-yeziden-mir-tahsin/ (Stand: 27.03.2012)

[6]Ismail, Alia Bayezid: Ihre Spuren sind bis heute nicht verwischt: Hussein Beg al-Dassini und Ali Beg, Sohn des Hassan Beg (2011), in: Studien zur yezidischen Religionsgemeinschaft, hrsg. v. Dengê Êzîdiyan Oldenburg, Oldenburg Juni 2011 Yezidische Helden – Mêrxasên Êzîdiyan, S. 45.

[7]ebenda, S. 67.

[8]Bozani, Kheri: Mir Jafar Dassini (2011), in: Studien zur yezidischen Religionsgemeinschaft, hrsg. v. Dengê Êzîdiyan Oldenburg, Oldenburg Juni 2011 Yezidische Helden – Mêrxasên Êzîdiyan, S. 34.

[9] Beghyani Shadi Sharin-  Xronoloźiya Zmanê Kurdî Ya Śeś Hezar Salan -14-: «MÎR»

[10] Pîr Dîma, „Lalişa Nûranî“, Yêkatêrînbûrg: Basko, 2008.— 216 rr., wêne, ISBN 978-5-91356-048-3




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