Art. Nummer Autor Datum Aktualisierung
32 Hayrî Demir 27.11.2011

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Zentrales Heiligtum der Êzîden Laliş

Zentrales Heiligtum der Êzîden Laliş

INHALTSVERZEICHNIS

  • Allgemeines
  • Name
  • Mythologie
  • Geschichte
  • Symbole
    • „Qub“ – Die Kuppeln des Heiligtums
    • „Marê reş“ – Die Schwarze Schlange
    • „Tawis“ – Das Tawis Symbol
    • „Xaç“ – Das Kreuzssymbol
    • „Stêra şeşgoşê“ – Der sechsfache Stern
    • „Şe“ – Der Kamm“
    • „Gopal“ – Die Krücke“
    • „Şibab“ – Die Flöte“

Allgemeines

Laliş, dt. Lalisch, ist ein Ort im heutigen Irak und gleichzeitig der Name des êzîdischen Tempels, in dem sich das zentrale Heiligtum der Êzîden befindet. Lalişist der einzige heilige Tempel der êzîdîschen Glaubensgemeinschaft. Es ist das historische, weltliche, spirituelle und religiöse Zentrum und somit zentrale Pilgerstätte der Êzîden. Von den Êzîden wird es auch Lalişa Nûranî, dt. Lalischa Nurranii, genannt.

Name

Laliş (dt. Lalisch) setzt sich aus zwei Wörtern zusammen: 1. Lal =stumm 2. (H)iş = Geist, Besinnung, Empfindung Sinngemäß und entsprechend der Bedeutung des Heiligtums bedeutet Laliş „Ort der stummen Besinnung“. Oft wird das Heiligtum von Êzîden auch Lalişa Nûranî bezeichnet. Nûranî setzt sich aus Nûr (heiliges Licht [Gottes]) und anî (bringen) zusammen und bedeutet sinngemäß „Licht bringend“ oder auch „erleuchtet“, Lalişa Nûranî demzufolge „Ort der stummen Besinnung und heiligen Erleuchtung“.

Mythologie

Nach êzîdischer Erzählung bestand die Oberfläche der Erde nur aus Wasser, als sie geschaffen wurde. Wie die Erde entsprang auch dieses Wasser der explodierten „Ur-Perle“ (Urknall).

Aus dem Qewlê afirandina kinyate, der Hymne über die Schöpfung der Erde S. 21, Z. 1,2, heißt es:

Ava ji durê diweriya – Wasser entsprang aus der Perle Bû behir û pengiya – Es wurde zum Meer

 

Die Erde war unruhig, bebte und tobte wild. Auf ihr war es nicht möglich, sich anzusiedeln. Vierzig Jahre lang wuchs nichts auf der Erde, weil ihr Boden nicht fest war. Also entsandte Xwedê (Gott) seine Engel auf die Erde und begab sich dann mit jenen auf ein Schiff:

Qewlê afirandina kinyate, S.21, Z 3.:

Padşê min merkeb dibest û nav geriya – Mein Herr bestieg das Schiff und fuhr umher

 

Um zunächst Ordnung in die tobende Erde zu bringen, schuf er die vier Himmelsrichtungen…

Qewlê afirandina dinyayê, Hymne über die Entstehung der Erde S. 14, Z. 1,2:

Xwedawendê me gemî ajot – Unser Herr fuhr mit dem Schiff umher Ji kinar ço ber kinar e  – Von Himmelsrichtung zu Himmelsrichtung

…und hielt an einem Ort, wo er sprach:

Qewlê afirandina kinyatê, S.22, Z.4:

li lalişê sekinî, got: eve heq war e! – In Laliş hielt er uns sagte:Dies ist der rechte Ort!

 

Und der Herr setzte Laliş auf die Erde, die sich daraufhin beruhigte:

Qewlê afirandina kinyate, S. 28, Z. 1,2,3:

piştî çil salî bi hijmar e – Nach vierzig Jahren an der Zahl Erdî bi xwe re negirtbû heşar e – Fand die Erde keine Ruhe Heta Lalişbi nav de nehat xwar e – Bis Laliş auf sie herabgesetzt wurde

 

Erst mit der Ankunft von Laliş verfestigte sich die Erde und die Natur konnte wachsen. Der Herr warf „Hefe“ in das Meer, und aus dem daraus aufsteigenden Rauch wurden die sieben Himmel geschaffen.

Qewlê afirandina kinyatê, S. 23, Z. 1,2,3:

Heq ware û sekinîn – Das ist der rechte Ort und Er (Gott) hielt Padşê min hêvên avêt behrê,behir meyînîn – Mein Heer warf „Hefe“ ins Meer und das Meer wurde „gespült“ Duxanek jê duxnî, her heft asiman pê nijinîn – Rauch stieg empor, wovon die sieben Himmel entstanden An der Stelle, an der die „Hefe“ ins Wasser geworfen wurde, entstand eine heute heilige Quelle: Kanîya sipî (Die weiße/reine Quelle). Verstirbt ein Êzîde, so wird seine Leiche zum Heiligtum Laliş in dem Glauben befördert, dass seine Seele dort in das Jenseits übertritt. Im Jenseits soll sie zur Pira Selatê, der „Brücke der Empfängnis“ gelangen, wo sich der weitere Weg entscheiden wird. In Laliş existiert eine gleichnamige Brücke. Laliş ist sowohl in der êzîdischen Mythologie als auch im Alten Testament der Ort, an dem sich auch das Paradies befindet. Allgemein ist durch das Alte Testament bekannt, dass sich das Paradies zwischen dem Tigris und dem Euphrat, also der Region um Laliş, befindet.

In Laliş sind viele êzîdische Heilige beigesetzt, unter ihnen z. B. die Inkarnation Tawisî Meleks Şêxadî (Sheikhadi), weswegen Laliş den Êzîden besonders heilig ist.

Geschichte

Die Herrscher über Lalish Vor der Erscheinung Sheikh-Adi´s (1074-1162) wird der Name Lalish in der Literatur nicht erwähnt. Es ist daher anzunehmen, daß erst mit Sheikh-Adi der Name Lalish in die Literatur eingegangen ist. Für die These spricht auch, daß der Ort Lalish von vielen als der Tempel Sheikh-Adi´s bezeichnet wird. Einige Jahrhunderte nach Sheikh-Adi wurde die Geschichte des Yezidentums, der Lebenslauf Sheikh-Adis und die Entstehung Lalish´s von einigen nahöstlichen Orientalisten wie Ibn Asir, Ibn Khalkan, Abu Fida, Hafis Zeheb, Ibn Werda, Mekrisi, Yafi und Scherani näher beschrieben. Die Meinungen wichen kaum von einander ab, insbesondere die Meinung über die Herkunft des Reformators Sheikh-Adi. Hier sind sich alle einig, daß er aus dem Gebiet Großsyrien und genauer aus der Ortschaft Beyt El-Far in Balbek (Bilad El-Scham) stammt und nach Lalish auswanderte. Viele Yeziden versammelten sich um ihn und betrachteten ihn als Hoffnungsträger und Retter der vom Untergang bedrohten Religionsgemeinschaft. Er wurde ca. 90 Jahre alt und Lalish wurde nach ihm benannt. Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckten Archäologen und Historiker eine Tontafel mit kaldäischer Schrift. Aus dieser Tafel ist zu entnehmen, daß Lalish vor der Zeit Sheikh-Adi´s eine christliche Kirche (Kloster) war. Der Autor dieser Schrift war der christliche Pfarrer Ram Ischo. Nach seinen Forschungen wurde Lalish im siebten Jahrhundert nach Christus errichtet. Unter der Führerschaft von Sheikh-Adi hätten die Yeziden Lalish von den Christen gewaltsam weggenommen. Diese Meinung wurde in der Geschichte auch von weiteren zumeist christlichen Autoren vertreten und entspricht nicht den geschichtlichen Tatsachen. So wird überwiegend als das Jahr der Erorberung Lalish durch die Yeziden 1222 n. Chr. genannt. Hiernach war

Das Tor zum Paradies in Lalish

Das Tor zum Paradies in Lalish

Sheikh-Adi aber schon 60 Jahre verstorben. Der christliche Wissenschaftler George Habib, ein anerkannter Historiker, lehnt in seinem Buch[1] über das Yezidentum die Theorie ab, daß Lalish christlichen Ursprung sei. Seinen Erkenntnissen nach ist Lalish noch vor dem Christentum erbaut worden und wurde von den Mithra als Sonnentempel genutzt. Die Yeziden sind die Nachfolger der Mithra. Noch heute sind in den Mauern von Lalish Symbole des Mithra-Kult als Mosaikwerke zu sehen. Diese Mosaike sind ein Beweis dafür, daß Lalish keineswegs ein christlicher Ort, sondern ein Feuertempel der Sonnenanbeter war. Die heutigen Yeziden betrachten sich als Nachfahren der Sonnenanbeter. Ihre Religion ist die Fortentwicklung der Religion von der Verherrlichung der vier Lebenselemente über die Feuer- und Sonnen- zur Eingottanbetung. Die zahlreichen Gebete der Yeziden belegen diese Theorie. Die Sonne wird heute noch als sichtbares Zeichen Gottes im Himmel betrachtet. Aus dem genannten läßt sich schlußfolgern, daß Lalish vor der Zeit Christus ein Tempel der Mithra war und anschließend von den Yeziden bewohnt wurde. Es ist anzunehmen, daß Lalish aufgrund seiner strategisch günstigen Lage in seiner Geschichte von den Assyrern besetzt wurde. Die Zarathustrier haben während der Zeit der Sassaniden Lalish zu einer Art Religionszentrum gemacht. Auch die Christen haben Lalish den Yeziden weggenommen. Sheikh-Adi konnte jedoch den damaligen Mar (christlicher Geistlicher) Yuhanna überzeugen, daß die Yeziden die rechtmäßigen Eigentümer von Lalish sind. Er überließ friedlich Lalish den Yeziden. Es wird überliefert, daß er als Bedingung für seine Räumung erklärt habe, daß in einem yezidischen Qewl die Namen der beiden letzten Mönche von Lalish Hena und Berhena erwähnt werden sollten. Diese Bedingung wurde als Würdigung der friedlichen Übergabe von Lalish und der geschichtlich gewachsenen Freundschaft zwischen Yeziden und Christen erfüllt. Besatzungen und Pogrome in Lalish In der Geschichte der Yeziden sind viele Pogrome an den Yeziden verübt worden. Lalish als Religionszentrum war sehr oft erstes Angriffziel der Feinde des Yezidentums. So wurde Lalish in seiner Geschichte des öfteren Schauplatz unvorstellbarer Greueltaten an den Yeziden.

Wir wollen hier nur einige exemplarisch erwähnen: Bedredin Lulu, der vom Christentum zum Islam konvertierte Herrscher von Mossul, verübte große Gewalttaten an den Yeziden und schändete mehrmals das Heiligtum Lalish. Damit der Glaube der Yeziden an ihre Religion zerbricht und sie zum Islam überwechseln ermordete er im Jahre 1223 n. Chr. hinterhältig den yezidischen Fürst und Nachfahren Mir Sheikh Hassen und ließ seine zerstückelte Leiche vor die Tore von Mossul werfen. Zehn Jahre später richtete er bei der Belagerung von Lalish große Schäden am Heiligtum an. Er entweihte das Grab von Sheikh-Adi, indem er es öffnete und die Gebeine Sheikh-Adi´s verbrannte. Viele Yeziden mußten aus ihren angestammten Gebieten um Lalish flüchten, eine große Zahl von Yeziden wurde umgebracht bzw. in die Gefängnisse von Mossul verschleppt. Der letzte Wille der Yeziden sollte gebrochen werden, als Bedreddin Lulu ca. einhundert yezidische Persönlichkeiten, Stammesführer und religiöse Würdenträger auf bestialische Weise ermorden ließ und sie zur Abschreckung der Yeziden an Bäumen aufhängte. Einige kurdische Fürsten zerstörten 1396 n. Chr. bei einem großen Feldzug gegen die Yeziden u.a. die kegelförmigen Türme von Lalish. Die Yeziden stellten Lalish jedoch wieder her. Trotz dieser gewaltvollen und vernichtenden Heimsuchungen von Lalish durch überwiegend fundamentalistische Moslems, konnten die Yeziden ihr Heiligtum erhalten. Damit ist Lalish zum Symbol für den ungebrochenen Widerstandswillen der Yeziden geworden.[2]

Symbole

In Laliş gibt es eine Menge an Symbolen, Kuppeln und in Wand gehauene Symbole, die viele Hinweise auf die Herkunft der Êzîden geben. Interessant ist vor allem, dass jene Symbole bei den Êzîden heilig waren, bevor sie andere Religionen als Symbole verwendeten.

„Qub“ – Kuppeln des Heiligtums

(von links nach rechts) Quba Şêx mûsê Enzelî, Quba Şêxadî, Quba Şêşims

Markant am Heiligtum sind die Kuppeln, die sogenannten Qubs. Im Folgenden eine Liste der Qubs in Laliş:
1. Quba Şêxadî
2. Quba Melek Şêxsin (Melek Esrafîl)
3. Quba Şêx mûsê Enzelî
4. Quba Kanîya sipî
5. Quba Şêx Mişeleh
6. Quba Şêşims
7. Quba Shêx Mend

Abbildung der schwarzen Schlange in Lalish

Abbildung der schwarzen Schlange in Lalish

„Marê reş“ – Die Schwarze Schlange

Die schwarze Schlange ist vielfach an den Wänden vom Heiligtum Laliş angebracht. Immer an den Eingängen zu einem Schrein,wie hier zum Schrein von Şêxadî.

Die schwarze Schlange im êzîdischen Glauben steht für Schutz und Fruchtbarkeit. Schon in den alten Mythologien Mesopotamiens spielte die schwarze Schlange eine bedeutende Rolle. So war sie z. B. das Symbol von Ahîrman, der Ikone der Arier. Die Şêxê Şêx Mend sind die Hüter der Schlangen bzw. die schwarze Schlange ist das Symbol dieser Gruppe. Sie sollen die Fähigkeit haben, mit ihrer Speichel Schlangengift im Körper zu neutralisieren. In der êzîdischen Mythologie ist es die schwarze Schlange, die den Weltbaum (Symbolik wird folgend erläutert) beschützt.

„Tawis“ – Das Tawis Symbol

Tawis-Symbol

Tawis-Symbol

Das Tawis ist das Symbol der Engel, insbesondere des von Tawisî Melek (Gottes Engel – oberster Erzengel). Es stellt zugleich die Farbvielfalt der Erde dar (stilisierter Pfau). Zusammen mit dem „Baum der Welt“ in der Mitte der beiden Pfauen symbolisiert das Tawis auch das heilige Dreieck. Die Pfauen stehen für die Sonne. Der Löwe symbolisiert im êzîdischen Glauben Stärke, Allmacht und Autorität sowie ebenfalls die Sonne.

Xaç-Symbol in Lalish

Xaç-Symbol in Lalish

„Xaç“ – Das Kreuzssymbol

Xaç (dt. Khadsch „Kreuze“) sind vielfach an den Wänden von Laliş angebracht. Dieses Symbol ist wohl über 12.000 Jahre alt undwurde schon in der Jungsteinzeit verwendet. In der êzîdîschen Mythologie steht dieses Symbol für die Sonne und ihre vier Elemente. Heute wird das Kreuz fast ausschließlich mit der christlichen Religion in Verbindung gebracht.

„Stêra şeşgoşê“ – Der sechsfache Stern

Stêra şeşgoşê in Lalish

Stêra şeşgoşê in Lalish

Der Stêra şeşgoşê (dt. Sterra Sheshgoshe „Der sechsfache Stern“) wird oft mit dem Judentum in Verbindung gebracht.Dieses Symbol ist älter als die jüdische Interpretation. Die zwei aufeinander gelegten Dreiecke symbolisieren zum einen die Frau, zum anderen den Mann. Es soll die Gleichheit beider verdeutlichen, mit der absoluten Einheit im Mittelpunkt.

Stêra şeşgoşê Symbol verdeutlicht

„Şe“ – Der Kamm

Kurd. „Şe“, dt. „Kamm“. Das Kamm Symbol steht für Reinheit und Sauberkeit.

„Gopal“ – Die Krücke

Gopal oder Wekaz (Krücke): Dieses Symbol steht für Alter und die Heiligkeit des Alters bzw. Weisheit.

Das Gopalsymbol an der Wand von Lalish

„Şibab“ – Die Flöte

Das Şibabsymbol an der Wand von Lalish

Şibab (dt. Shibab „Flöte“): Dieses Symbol erinnert an die Einflößung der Seele in den Körper des Menschen. Erst mit Hilfe der Instrumente Def û Şîbab (Tamburin und Flöte) war es möglich, dass die sich widersetzende Seele in den menschlichen Körper gelangte. Musik spielt in der Tradition des Êzîdentums eine besondere Rolle. Zu fast jedem Anlass werden Qewls etc. aufgesagt und mit den zwei heiligen Instrumenten Def û Şîbab begleitet.

 

Quellen

Pîr Dîma, „Lalişa Nûranî“, Yêkatêrînbûrg: Basko, 2008.— 216 rr., wêne, ISBN 978-5-91356-048-3 Bild Şêx Mend: Ezster Spär Pîr Xidir Silêman, „Die Geschichte des Religionszentrums Lalish“, http://yeziden.de/geschichte_religions.0.html, 22.11.11


[1] „The Yazidis“, Dr. George Habib (Bagdad 1978)
[2] Pîr Xidir Silêman, „Die Geschichte des Religionszentrums Lalish“, http://yeziden.de/geschichte_religions.0.html, 22.11.11