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Kaniya Sipî – Die weiße Quelle

Art. Nr. Autor Datum
121 Hayrî Demir 22.04.2017
Name

Der Begriff „Kaniya Sipî“ bedeutet „weiße Quelle“ oder auch „reine Quelle“ und ist eine im Êzîdentum heilige Wasserquelle.  Der Name wurde der Quelle aufgrund ihrer mythologischen Bedeutung im êzîdîschen Schöpfungsmythos verliehen. In der êzîdîschen Farbenlehre steht der Begriff „Sipî“ neben seiner wörtlichen Definition von „Weiß“ auch für Reinheit und Sauberkeit.

Tempeldienerin vor dem Kaniya Sipî in Lalish

Quelle

Die weiße Quelle entspringt im Lalish-Tal im sogenannten Hügel von Mishete. Von dort fließt sie Mitten in den Lalish-Tempelkomplex.

Mythologische Bedeutung

In den êzîdîschen Überlieferungen nimmt die weiße Quelle eine herausragende Bedeutung ein. So wird die weiße Quelle sowohl im Glaubensbekenntnis der Êzîden als auch in zahlreichen Gebeten erwähnt. Wasser ist in der êzîdîschen Lehre eine der vier heiligen Grundelemente, aus denen die Welt erschaffen wurde[1]. Kaniya Sipî gilt als Urquelle und ist wesentlicher Bestandteil des êzîdîschen Schöpfungsmythos.

Darin heißt es, dass die Erde zunächst nur aus einem unendlichen, tiefen und dunklen Meer bestand. Das Wasser des Meeres entsprang aus der Ur-Perle, die explodierte und aus ihr die feste Materie entstand[2]. Ezda (Gott) beauftragte die Engel, die Schöpfung der Erde zu vollenden. Als die Engel in allen vier Himmelsrichtungen auf dem Meer umherwanderten, blieben sie an einer Stelle stehen und warfen die „Hefe“ (siehe Schöpfungsmythos) ins Meer. An dieser Stelle entsprang die weiße Quelle „Kaniya Sipî“, aus deren Reinheit die „sieben Himmel“ erschaffen und Himmel und Erde getrennt wurden. Nach vierzig Jahren wurde der erste feste Ort der Welt an der weißen Quelle, das Lalish-Tal, herabgesandt.

Die weiße Quelle bildet so in der êzîdîschen Religionslehre mit dem Lalish-Tal den „Nabel der Welt“, das Zentrum der Erdschöpfung und gilt als reiner Ort. Auch der im êzîdîschen Schöpfungsmythos erwähnte Weltenbaum (Dara Herherê) steht auf dem Kaniya Sipî.

Im Glaubensbekenntnis der Êzîden wird die weiße Quelle als Siegel („Mor“) bezeichnet[3].

Mor Kirin – Besiegeln

Junger Êzîde bei der Besiegelung

Alle Êzîden sollen bei Möglichkeit einmal in ihrem Leben mit dem Wasser des Kaniya Sipî gesegnet und ihre Zugehörigkeit zur êzîdîschen Religion besiegelt werden. Êzîden, die in der Nähe des Lalish-Tales leben, bringen ihre Kinder wenige Monate nach der Geburt zur Besiegelung.

Dieser taufähnliche Vorgang wird als „mor kirin“ bezeichnet, was „besiegeln“ bedeutet. Das Wasser des Kaniya Sipî wird dazu von einer bestimmten Tempeldienerin im Tempel des Kaniya Sipî über den Kopf geträufelt, währenddessen sie ein Gebet spricht. Nach dem Gebet wird ein kleiner Schluck der weißen Quelle getrunken. Der Vorgang dauert in der Regel nur wenige Sekunden. Die Besiegelung von Kleinkindern wird in der Regel groß zelebriert, wofür Verwandte und Bekannte gemeinsam der Besiegelung beiwohnen und anschließend zusammen feiern.

Die Taufe wird für Frauen und Männer separat vorgenommen, da das gemeinsame Betreten der Quelle als symbolischer Akt der Vereinigung verstanden wird, wonach Mann und Frau wie Geschwister zu behandeln sind. Daher werden verheiratete Paare stets separat von der Tempeldienerin gesegnet. Anders ist dies, wenn etwa das gemeinsame Kind besiegelt wird. Dann dürfen sowohl Vater als auch Mutter anwesend sein.

Auch die bedeutungsvollen „Berat“, kleine aus dem Kalk des Lalish-Tempel hergestellte Kugeln, müssen mit dem Wasser des Kaniya Sipî geformt und gesegnet werden, ehe sie an die Êzîden verteilt werden. Sowohl die Herstellung als auch die Besiegelung der Berat-Kugeln ist den Tempeldienerinnen in Lalish vorbehalten.

Dayê Esmer

Micêwira Kaniya Sipî

Das Besiegeln mit dem Wasser des Kaniya Sipî ist nur der sogenannten „Dienerin der weißen Quelle“ (Micêwira Kaniya Sipî) vorbehalten. Nur wenn sie die Tauf-Zeremonie durchführt, hat das Siegel nach êzîdîscher Tradition Gültigkeit. Die derzeitige Micewir der weißen Quelle ist Dayê Esmer.

Quba Kaniya Sipî – Tempel der weißen Quelle

Über der Quelle des Kaniya Sipî ist im Lalish-Komplex eine Kuppe („Qub) gebaut. Unter dieser Kuppe wird die Besiegelung vorgenommen. Seitlich der Kuppe verlaufen zwei Ausläufe der weißen Quelle, wodurch es den Besuchern ermöglicht wird, Wasser der heiligen Quelle abzufüllen und mitzunehmen. Zum Neujahr segnen die Êzîden damit ihr Brot, was sie anschließend an ihre Nachbarn verteilen. Auch hier sind beide Ausläufe aufgrund der Symbolik der weißen Quelle voneinander getrennt. Der linke Auslauf wird als „Kaniya kecikan“ (Quelle der Mädchen) bezeichnet, der rechte als „Kaniya kurikan“ (Quelle der Jungen).

Kuppe und Eingang zum Tempel der weißen Quelle

Vor dem Tempel der weißen Quelle wird jährlich ein Tanz aufgeführt, der „Dîlana derê Kaniya Sipî“ genannt wird. Dabei versammeln sich Pilger und Würdenträger vor der Kuppel und führen einen Tanz auf, während die heiligen Instrumente „Def û Şîbab“ gespielt werden. In zahlreichen weiteren religiösen Zeremonien und Feiern ist das Wasser der weißen Quelle zentraler Bestandteil.

Junger Êzîdî schöpft Wasser aus der weißen Quelle zur Säuberung des Hofes des Lalish-Tempels

Da das Wasser des Kaniya Sipî als heilig gilt, sind etwaige körperliche Waschungen und ähnliches strengstens untersagt. Hierfür existieren in Lalish spezielle weitere Quellen, die zu dieser Nutzung vorgesehen sind. Der Hof des Lalish-Tempels wird mit dem Wasser der heiligen Quelle gereinigt.

Quellen 

[1] Feqîr Hecî, Bedel: „Bawerî û Mîtologiya Êzidîyan: Çendeha Têkist û Vekolîn“, Duhok, 2002, S. 188.

[2] Pîr Dîma; L. Îavasko; S. Grîgoriyêv: „Lalişa Nûranî – Peristgeha Êzidiyan“, Basko, 2008, S. 26.

Einzelnachweise
[1] Siehe „Qewlê afirandina dinyayê“
[2] Siehe „Qewlê zebûnî meksûr“
[3] „Şahda Dînî”

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Kirasguhertin

Art. Nr. Autor Datum
92 Hayrî Demir 28.11.2016

Das sogenannte „kirasguhertin“ ist ein zentraler Begriff der êzîdîschen Mythologie über den Werdegang des Körper und der Seele nach dem Ableben eines Menschen. Der Begriff setzt sich aus den Wörtern „kiras“ für Kleid und „guhertin“ für Wechsel zusammen und beschreibt den Übergang der Seele in das Unendliche, während der Körper zu seinem Ursprung, der Erde, zurückkehrt und stirbt. Der Oberbegriff innerhalb der êzîdîschen Lehre ist die Vorstellung vom Dahir und Batin.

Leib-Seele-Theorie

Der französische Philosoph René Descartes prägte die Leib-Seele-Theorie, die, mit wenigen Abstrichen, mit der Vorstellung der êzîdîschen Lehre übereinstimmt. Demnach stehen Körper als materielles Sein und Seele als immaterielles Sein in Wechselwirkung zueinander. Diese Dualität wird bereits im Schöpfungsmythos der Êzîden dahingehend beschrieben, als dass der Körper aus den materiellen – und somit vergänglichen –  Elementen der Erde geschaffen wurde, während die Seele aus dem sogenannten „havêna sunetê“, der Hefe der Erkenntnis oder auch Saatgut der Engel genannt, erschaffen wurde. Die Wechselwirkung zwischen den körperlichen und den geistigen Trieben findet nach êzîdîscher Vorstellung im Verstand, also im Gehirn, statt. Dort trifft ein Mensch dann auch seine Entscheidungen, für die er selbst verantwortlich ist.

Die unsterbliche Seele

Die Seele ist anders als der Körper unsterblich. Folglich endet die Existenz der Seele nicht mit dem Tod eines Menschen. Nach êzîdîscher Religionslehre findet ein „Kleiderwechsel“ (kirasguthertin) statt, indem die Seele sich vom Körper trennt und in das immaterielle Dasein (Batin) übergeht. Es kann dann zu einer Seelenwanderung kommen, indem die Seele in einem anderen Körper wiedergeboren wird, was jedoch nicht der Regelfall ist.

Vielmehr wird nur jene Seele wiedergeboren, die sich während ihres Daseins auf der Erde nicht mit schlechten Taten befleckt hat. Das sind nach êzîdîscher Vorstellung vor allem die Seelen frommer Menschen, die sich dem Materiellen entsagt haben.

Der Kleiderwechsel

Entsprechend kann es daher zu einer Reinkarnation kommen. Die als rein geltende Seele wird in dem Körper eines frommen Menschen wiedergeboren. So wird etwa Sheikh Adi, der bedeutendste Heilige der Êzîden, als die Reinkarnation des Tawisî Meleks bezeichnet.

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Zîyaret – Wallfahrtsort

 

Art. Nr. Autor Datum
242 Hayrî Demir 07.02.2016

Als Zîyaret werden im êzîdîschen Kontext vor allem Wallfahrts- und Pilgerorte bezeichnet, die im Rahmen religiöser Zeremonien und Feste von Êzîden aufgesucht werden. Die Pilger werden daher auch als Zîyaretî oder Zîyaretiya bezeichnet. Versammeln sich die Pilger an einem Wallfahrtsort, etwa am zentralen Heiligtum Lalisch im Nordirak, spricht man von „zîyaretî bûn“ (dt. [Pilger die] sich versammeln). Die Zîyarets stellen neben ihrer herausragenden religiösen Bedeutung auch Orte der Zusammenkunft dar, an denen sich zahlreiche Êzîden aus verschiedensten Regionen zusammenfinden.

Zîyaret des êzîdîschen Heiligen Scheich Mend (ÊzîdîPress)

Zîyaret des êzîdîschen Heiligen Scheich Mend (ÊzîdîPress)

Zu den êzîdîschen Zîyaret gehören insbesondere dutzende Mausoleen heiliger Persönlichkeiten sowie den Erzengeln gewidmete Tempel. Zu den wichtigsten Zîyaret zählt neben dem êzîdîschen Zentralheiligum Lalisch die Pilgerstätte Scherfedîn in der Region Schingal.

Auch einzelne Teile einer Tempelanlage oder eines Mausoleums werden als Zîyaret bezeichnet. Im Innern des Heiligtum Lalisch etwa werden zum Fest der Versammlung fünf Zîyaret mit bunten Tüchern, sog. Perîs, geschmückt. Die Pilger öffnen und machen ihrerseits selbst kleine Knoten in die Tücher und wünschen sich währenddessen etwas.

Der Begriff Zîyaret wird in den heiligen Texten der êzîdîschen Religion (Qewls) mehrfach genannt.

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Erzengel – Heilige Siebenschaft

 

Art. Nummer Autor Datum Aktualisierung
82 Hayrî Demir 20.04.2014

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Allgemeines

Die êzîdîsche Lehre kennt sieben Erzengel, die sowohl im Schöpfungsmythos als auch in der Anthropologie sowie im täglichen religiösen Alltag eine primäre und zentrale Rolle einnehmen. Die Angelologie ist im Êzîdentum stark ausgeprägt, weshalb die Engel in der Hierarchie nach Khoda (kurd. Xweda) als zweite Instanz über weitreichende Funktionen verfügen, um damit den Willen Khodas auf der Erde durchzusetzen. Schließlich wird auch das Kernprinzip der êzîdîschen Lehre durch den obersten der Heiligen Siebenschaft – so eine weitere Bezeichnung der Erzengel – durch den Erzengel Tawisî Melek personifiziert. Engel bedeutet sprachfamilienübergreifend „Melek“, seltener wird in der êzîdîschen Lehre auch der indo-iranische Begriff „Firişte“ (فرشته) verwendet.

Ursprung

Der Ursprung der Heiligen Siebenschaft der êzîdîschen Lehre geht auf die Mythologie der Babylonier zurück, die auf Grundlage ihrer Astronomie sieben sichtbare Planeten ihren sieben Göttern zuordneten. Im Mittelpunkt stand dabei der Merkur, der dem Wochentag Mittwoch zugeordnet ist. Der Mittwoch ist noch heute der heilige Ruhetag der Êzîden und steht im Zeichen von Tawisî Melek. Die heutige Sieben-Tage-Woche hat ihren Ursprung unter anderem ebenfalls in der babylonischen Mythologie bzw. Astronomie. Es ist wahrscheinlich, dass die Heilige Siebenschaft daher ehemals Götter darstellten, ehe sie im Siegeszug des Monotheismus zu Engel degradiert wurden. Dies gilt sowohl für die êzîdîschen als auch die abrahamitischen Erzengel. Unmittelbar nach der Schöpfung des Kherqe (kurd. Xerqe), einem heiligen Gewand frommer Würdenträger, wurden die sieben êzîdîschen Erzengel geschaffen. Sie sind aus dem heiligen Licht des Schöpfer-Gottes Khoda hervorgebracht worden.

[toggle_content title=“Qewlê Zebûnî Meksûr, S. 36„]Padşê min reb il-´ezete – Mein König ist der Herr der Macht
Ji ewil efirandi milyakete – Am Anfang schuf er die Engel
Dana destê wan doj û cinete – In ihre Hände übergab Er die Hölle und das Paradies [/toggle_content]

[toggle_content title=“Qewlê Padşday, S. 5„]Padşê min rebê milyaket e – Mein König ist der Schöpfer der Engel
Rebê her heft surêt bi taqet e – Der sieben machtvollen Geheimnisse Her heft mêrêt bi heybet e – Der sieben ehrvollen Heiligen [/toggle_content]

[toggle_content title=“Qewlê afirandina dinyayê, S. 17„]Khodawendê me rebil semed – Mein Herr ist der Schöpfer von Semed
Afirandin heft milyaket – Schuf sieben Engel Cuda kir dojeh û buheşt – Trennte Himmel und Hölle [/toggle_content]

Die Frage, ob die Engel nun aus dem Licht oder aus der Ur-Perle stammen, erübrigt sich, da die Ur-Perle selbst auch aus dem Lichte Khodas entstand. Es heißt, dass jeder Engel aus dem Lichte des anderen hervorgebracht wurde.

[toggle_content title=“Qewlê Şêxûbekir S. 15, R. 3„]Melek yek bû bûne du ye – Es war ein Engel und es wurden zwei
Melek dû bûn bûne sê ye – Es waren zwei Engel und wurden drei
Melek sê bûn bûne çar e – Es waren drei Engel und wurden vier
Melek çar bûn bûne pênc e – Es waren vier Engel und wurden fünf
Melek pênc bûn bûne şeş e – Es waren fünf Engel und wurden sechs
Melek şeşbûn bûne heft e – Es waren sechs Engel und wurden sieben [/toggle_content]

Jedem der insgesamt sieben Erzengel ist ein Wochentag zugeordnet. Die Vorstellung einer Heiligen Siebenschaft existierte bereits in der mythologischen Vorstellungswelt der Babylonier und Sumerer, die später ihren Weg in die Religion der Zoroaster und schließlich ins Judentum, Christentum und von diesen in den Islam fand. Wichtig ist hierbei der besondere Verweis darauf, dass die Engel aus dem Licht des Schöpfer-Gottes hervorgebracht wurden, womit sie einen Teil Khodas in sich tragen. Diese Eigenschaft wird als „Sira Milyaketa“, dt. das Geheimnis der Engel, bezeichnet. Dieses „Sir“ meint unter anderem die Fähigkeit des freien Willens (Verstand), was in einer späteren Phase des Schöpfungsmythos von entscheidender Bedeutung sein wird.

[toggle_content title=“Qewlê Padşay, S. 5, R. 2„]Rebê her heft surêt bi taqet e – Der Schöpfer der sieben machtvollen Geheimnisse [/toggle_content]

Nach ihrer Erschaffung verpflichteten sie sich der „Wahrheit“ und auf den Glauben bzw. die Loyalität gegenüber Khoda. Als Wahrheit ist in den Qewls die Belehrung der Engel durch Khoda gemeint: Khoda mahnte die Engel, dass nur Er ihr Schöpfer und der Allmächtige sei, weshalb sie nur Ihn anbeten dürften.

[toggle_content title=“Qewlê Şêxûbekir, S. 21„]Her heft ku di-éfirîn – Alle Sieben die erschaffen wurden
Bi rastiyê lêk di-êwirîn – Die Wahrheit wurde ihnen anvertraut
Bi muhbetê bi nedera yek di debirîn – Mit der Liebe, dass sie in Einheit existieren [/toggle_content]

[toggle_content title=“Dua Baweriyê, S. 12„]Pedşa bawirî û rastî danîn linava meleka – Der König übertrug den Glauben und die Wahrheit den Engeln
Bi wan ava kirin çarde tebeqe – Mit ihnen erschuf Er vierzig Sphären
Pedşa heqe û navê wi heqe – Der König ist die Gerechtigkeit und Sein Name das Recht [/toggle_content]

Des Weiteren werden die weitreichenden Kompetenzen der Engel nur durch ihre Einheit legitimiert. Die Erzengel halten aus Nächstenliebe stets zusammen. Aus dieser Einheit und der Liebe zueinander heraus einigten sie sich zu einem späteren Zeitpunkt auf einen Führer.

[toggle_content title=“Dua Tifaqê, S. 6, R. 1-2„]Neder xoş nedere – Wie schön es ist
Her heft meleka li nav xo danîn mehdere – Alle sieben Engel suchen die Gegenwart des anderen [/toggle_content]

[toggle_content title=“Dua Tifaqê, S. 7„]Meleka cinet û cehinime çêkir – Die Engel formten Paradies und Hölle
Bi wê tebayê not û neh hezar reng lêkir – Neunundneunzigtausend Farben gaben sie ihnen
Lew mifte li destê Melekê Xêrê kir – Den Schlüssel legten sie in die Hände des Guten Engels (Tawisî Melek) [/toggle_content]

Weiterhin heißt es, dass Khoda zwischen sich und seinen Schöpfungen, hier zunächst die Engel, das kurd. „Perde (dt. Vorhang)“ gelegt hat. Es meint, dass niemand Khoda gesehen hat oder sehen kann. Qewlê Tawisî Melek Xudan malî xudan perde – Schutzpatron der Familien und des Vorhanges In der êzîdîschen Religion tragen die Erzengel einen Dies- und Jenseitsnamen (kurd. Dahir û Batin). Im Diesseits sind sie als heilige Persönlichkeiten zu den Êzîden gekommen, um sie und ihre Religion zu bewahren und zu pflegen. Die Namen und die Bedeutung der 7 Erzengel sind folgende: […]Cibrayîl, Ezrayîl, Mîkayîl Şifqayîl, Derdayîl, Ezafîl, Ezazîl [Dua Êvarê, S. 11].

Der Pilgerort der Engel, wo sie Xweda huldigen, ist der sog. „Weltenbaum“ (kurd. Dara Herherê), den der Schöpfer-Gott nach der Explosion der Perle erschaffen hat.

[toggle_content title=“Dua Ziyaretbûn, S. 10„]Xudê dara herherê xuliqand – Gott erschuf den ewigen Baum
Meleka ziyaret kir pêra sediqand – Die Engel pilgerten dorthin und überzeugten sich
´Erş û kursî ´efirand – Der Thron und Sitz wurde geschaffen [/toggle_content]

Weiterhin sind die Engel die Wächter der Himmelstore.

[toggle_content title=“Dua Ziyaretbûn, S. 15„]Melek li dergehê ´ezmana rawestane – Vor den Toren des Himmels weilen die Engel [/toggle_content]

Das Sur (Geheimnis), das der Seele innewohnt, wird von den Erzengeln selbst überwacht. Bei der Schöpfung der Erde spielen die sieben Erzengel eine bedeutende Rolle. Nur durch ihre Einheit und ihre Loyalität zueinander und zu Xweda war es ihnen möglich, bei der Erdschöpfung mitzuwirken (s.o). Die Erzengel versammelten sich am Weltenbaum und Khoda sprach etwas Unbekanntes zur Perle bzw. zum Juwel, in dessen weiteren Verlauf die Erde erschaffen worden ist (weitere Bedeutung der Erzengel innerhalb des Schöpfungsmythos).

Bedeutung der einzelnen Erzengel

1. Melek Ezrayîl welcher sich in der Gestalt von Șêx Nasirdîn gezeigt hat. Melek Ezrayîl trennt beim Tod eines Esidi die Seele vom Körper, weshalb er als „Meister des Messer“ bezeichnet wird.

2. Melek Cibrayîl welcher sich in der Gestalt von Șêx Sicadîn gezeigt hat. Zusammen mit Melek Ezrayîl spielt er die zweite Funktion beim dem Vollzug des Tod eines Êzîdî. Er überbringt die Botschaft Khodas den Menschen und hilft Melek Ezrayîl dabei, den Tod zu vollziehen.

3. Melek Mîkayîl welcher sich in der Gestalt von Șêx Fexredîn gezeigt hat. Er ist der Schutzpatron aller Heiligen und der 72 Völker, womit alle Völker der Welt gemeint sind.

4. Melek Şifqayîl, auch Şemqayîl genannt, welcher sich in der Gestalt von Șêx Șemsedîn gezeigt hat. Er ist der Sonnenengel und für das Überleben zuständig, indem er die Strahlen der Sonne zur Erde befördert und die Menschen so leben und sich von der Natur nähren können.

5. Melek Derdayîl welcher sich in der Gestalt von Șêx Șêxûbekir gezeigt hat. Er ist für das ausgleichende Zusammenspiel von Erde und Himmel zuständig und wird als „Mewla“, dt. ehrenwerter Herr, bezeichnet.

6. Melek Esrafîl welcher sich in der Gestalt von Șêx Sin (Șêx Hesen) gezeigt hat. Er wird als „Qelema îmanê“, dt. Schreiber der Überzeugung, bezeichnet. Es liegt an ihm, die Menschen von dem Bekenntnis zu Khoda zu überzeugen.

7. Melek Azazîl, der den bedeutenden Beinamen Tawisî Melek trägt und sich in der Gestalt von Șêx Adî gezeigt hat. Tawisî Melek ist der oberste Erzengel und deren Führer. Er nimmt eine herausragende Stellung innerhalb der êzîdîschen Religionslehre ein. Er ist der Verwalter der Erde. Es heißt, dass auch die Engel, insbesondere Tawisî Melek, das Kherqe tragen.

[toggle_content title=“Dua Baweriyê, S. 9, R. 1 & 2„]Meleka bawirî pê anîn – Die Engel glaubten daran
Xerqe birin li ser xora danîn – Sie nahmen das Kherqe und zogen es sich über [/toggle_content]

[toggle_content title=“Qewlê Xerqe, S. 1, R. 3 & 4„]Xerqe libsê Xwedê û – Das Kherqe ist das Gewand Gottes und
Tawisî Melek bi xwe bû – des Tawisî Meleks selbst [/toggle_content]

Der Sema-Tanz, der während der Cimaya Şîxadî Feier im Heiligtum Lalish von hohen Würdenträgern zelebriert wird, wird auch als Tanz der Engel bezeichnet.


Quelle

Demir, Hayrî: Der êzîdîsche Schöpfungsmythos. Teil I-III, in: Laliş-Dialog, Ausgabe 1 bis 3

Dur – Die Urperle

 

Art. Nummer Autor Datum Aktualisierung
77 Hayrî Demir 23.09.2013

DurName

Die Urperle, aus der nach êzîdîscher Vorstellung das gesamte materielle Sein hervorgegangen ist, wird in den sakral êzîdîschen Texten als „Dur“ bezeichnet[1]. Der Begriff „Dur“ ist ein iranischer Begriff und bedeutet sowohl im Kurdischen (Dur) als auch im Persischen und im Pashto (در) Perle.

Die êzîdîsche Mythologie der Bedeutung der Urperle „Dur“ spiegelt sich auch in der kurdischen Sprache wieder, wo der Begriff „Dur“ auch für „Urknall“ steht[2].

Entstehung

Die Urperle spielt besonders beim Schöpfungsmythos aber auch darüber hinaus eine maßgebliche Rolle. Zu Beginn des êzîdîschen Schöpfungsmythos herrschte das sog. „Enzel“-Stadium. Das Enzel-Stadium ist ein raum- und zeitloser Zustand, der als Sphäre hinter der profanen bzw. materiellen Welt gesehen werden kann[3]. In diesem Enzel-Stadium existierte zunächst nur Xweda, dt. Gott, der sich selbst erschaffen hat.

Aus sich selbst bzw. aus seinem Licht heraus, erschuf Xweda eine weiße Perle (kurd. Dur), in welcher sich Sein leuchtender Thron (kurd. Textê nûrî) befand.

[toggle_content title=“Qewlê Bê Elif, S. 6, R. 1„]
Padșê min bi xo efirandî dura beyzaye – Mein König erschuf aus sich die weiße Perle
[/toggle_content]

[toggle_content title=“Qewlê Șêxûbekir, S. 4, R. 1„]

Padşê min dur ji xwe çêkir – Mein König erschuf die Perle aus sich[/toggle_content] 

[toggle_content title=“Qewlê Bê Elif, S. 1, R. 2„]
Textê nûrî sedef – Der leuchtende Thron in der Perle[/toggle_content] 

Die Vorstellung das Leben bzw. das Sein sei aus einer Perle o.Ä. hervorgegangen, finden wir in den unterschiedlichsten Kulturen der Welt wieder. So auch im arischen Schöpfungsmythos, der in der Rigveda zu finden ist:

Von Dunkel war die ganze Welt bedeckt,
Ein Ozean ohne Licht, in Nacht verloren
Da ward, was in der Schale war versteckt
Das Eine durch der Glutpein Kraft geboren[4]

Mit der Perle war Xweda eins, sodass Er von ihr nicht zu unterscheiden war.

[toggle_content title=“Qewlê Bê Elif, S. 2, R. 1„]
Padșê min li navdayî mixfî bû – Mein Herr war verborgen/unkenntlich in ihr [der Perle}[/toggle_content] 

Xweda, der bisher in der Perle verborgen war und mit Ihr eine Einheit bildete, löste sich vom Inneren der Perle und bewegte sich in ihr umher.

[toggle_content title=“Dûa Bawerîyê, S. 3, R. 3„]
Bi wê bawiriyê xo ji nava durê cihêkir – Mit dem Glauben trennte Er [Gott] von der Perle

S. 4, R. 1
Pedşa li durê geriya – Mein König fuhr in der Perle umher[/toggle_content] 

Da füllte Wasser das Innere der Perle und ein sanfter, ruhiger Ozean entstand.

[toggle_content title=“Dûa Bawerîyê, S. 4, R 2, 3„]
Av jê weriya – Wasser floss aus ihr
Bu behr pengiya – Und wurde zu einem ruhigen Meer[/toggle_content] 

Wasser bzw. die Darstellung von Ozeanen, Meeren etc. symbolisieren in der êzîdîschen Lehre die tiefe, unendliche Weisheit und wird im Kurdischen wie in den heiligen Überlieferungen als „Behrê kûr“ (dt. tiefes Meer) bezeichnet. Auch die Darstellung bzw. die Vorstellung von einem vorzeitlichen Meer zu Schöpfungsbeginn finden wir in vielen Mythen der alten Völker wieder.

[toggle_content title=“Qewlê Padșayî, S. 31„]
Padşê min nûr e – Mein König ist das Licht
Ew ji me neyî dûr e – Er ist nicht weit von uns
Yî alime bi erd û ezman û behrêt kûr e – Er ist der Gelehrte auf der Erde, dem Himmel und im tiefen Meer[/toggle_content] 

Danach erschuf Xweda die Liebe aus sich selbst und die Perle, die Er bereits zuvor von sich loslöste, begann an Stabilität zu verlieren.

[toggle_content title=“Qewlê zebûnî meksûr, S. 6„]
Pedşê min ji durê bû – Als der Herr sich in er Perle befand
Hisnatek jê çêt bû – Sich ein Wunsch von Ihm entband
Şaxa mehebetê lê bû – Und so der Zweig der Liebe entstand[/toggle_content] 

Der Urknall

Erst als Xweda die Perle von sich trennte, weil er den Beginn der materiellen Welt in Gang setzen wollte, wurde die Perle schwach.

Die gebrechlich gewordene Perle färbte sich mit den Farben Weiß, Rot und Gelb als Zeichen des Lebens. Sie begann zu glänzen (strahlen), zerberstete in Abermillionen Teile und wurde endgültig von Xweda getrennt.

[toggle_content title=“Qewlê zebûnî meksûr, S. 9, 10, 11 (R. 1, 2)„]
Kire rikin û rikinî – Das Fundament [Liebe] wurde gelegt und etabliert
Dur ji heyibetê hinçinî – Aus Ehrfrucht explodierte die Perle
Taqet nema hilgirî – Sie verlor die Kraft geduldig zu sein

Taqet nema li ber bisebirî – Sie hatte keine Kraft mehr geduldig zu sein
Dur bi renga xemilî – Die Perle schmückte sich mit farben
Sor bû sipî bû sefirî – Sie wurde rot, weiß und gelb

Dur bi renga geş bû – Die Perle glänzte mit den Farben
Berî ne erd hebû, ne eziman hebû, ne erş hebû – Vorher gab es weder Erde, noch Himmel, noch den heiligen Thron[/toggle_content] 

Aus dem Staub der zerborstenen Perle und der Liebe als Fundament konnte nun die materielle Welt geschaffen werden und die nächste Stufe des Schöpfungsmythos begann.

Das materielle Sein

In einer êzîdîschen Legende heißt es, dass aus dem Staub der Perle die Planeten und Galaxien entstanden sind. Der Pilgerort der Engel, wo sie Xweda huldigen, ist der sog. „Weltenbaum (kurd. Dara Herherê)“ den der Schöpfer-Gott nach der Explosion der Perle erschaffen hat.

In der spirituellen Welt Enzel existierte ein unendliches Meer in dessen Zentrum [Weltenbaum] eine Perle, oft auch als Juwel bezeichnet, verborgen war. Die Erzengel versammelten sich am Weltenbaum und Xweda sprach etwas Unbekanntes zur Perle bzw. zum Juwel. Und er warf das Geheimnis Liebe inmitten der Perle, woraus er Sonne und Mond schuf, die die Augen Xwedas, also die sichtbaren Symbole Xwedas, sind.

Die/das Perle/Juwel zerbrach und wieder floss eine Unmenge an Wasser aus ihr. Es war das Meer der Erde, die zu diesem Zeitpunkt noch dunkel  war und weder Erde (Boden) noch Himmel existieren.  Das Meer war die weiße Quelle, die den Esiden heilig ist und als „Kanîya sipî“ bezeichnet wird. [5]

Neujahr und die Urperle

An die Urperle wird jedes Jahr zum Neujahrsfest der Êzîden, dem sog. „Çarșema sor“ (dt. Roter Mittwoch) in Form von gefärbten Eiern als Stilisierung der Urperle erinnert. Der Tag des Neujahrsfest, stets der 1. April nach êzîdîschem Kalender, ist zugleich Frühlingsbeginn. Die Farben der von neuem aufblühenden Natur stellen dabei den Neuanfang des Lebens dar, die gefärbten Eier als Perle Dur den Neubeginn.

Quellen

  1. Dr. Omerxalî, Xanna: Some reflections on concepts of time in Yezidism, in: From Daênâ to Din, Festschrift für: Prof. Dr. Kreyenbroek, hrsg. v. Christine Allison, Anke Joisten-Pruschke, Antje Vendtland, Wiesbaden 2009
  2. Demir, Hayrî: Der êzîdîsche Schöpfungsmythos. Teil I, in: Laliş-Dialog, Ausgabe 1 – 1/2013, S. 5f.
  3. Demir, Hayrî: Der esidische Schöpfungsmythos. Teil II, in: Laliş-Dialog, Ausgabe 2 – 2/2013, S. 6f.

[1] Demir, Hayrî: Der êzîdîsche Schöpfungsmythos. Teil I, in: Laliş-Dialog, Ausgabe 1 – 1/2013, S. 5f.

[2] Siehe z.B. Ferheng.org

[3] Dr. Omerxalî, Xanna: Some reflections on concepts of time in Yezidism, in: From Daênâ to Din, Festschrift für: Prof. Dr. Kreyenbroek, hrsg. v. Christine Allison, Anke Joisten-Pruschke, Antje Vendtland, Wiesbaden 2009, S. 334

[4] Demir; 2013, S. 5f.

[5] Demir, Hayrî: Der esidische Schöpfungsmythos. Teil II, in: Laliş-Dialog, Ausgabe 2 – 2/2013, S. 6f.

[:]

Die sieben Söhne der alten Dame

Art. Nummer Autor Datum Aktualisierung
263 Dîar Khalaf 15.09.2013

Geschichte und Überlieferungen

Êzîdîsche Überlieferungen zufolge lebten die sieben Söhne, deren Vater verstorben war, mit ihrer Mutter im 13. Jahrhundert zur Zeit von Sheikh Hasan b. Adi und stammten aus dem Gebiet des Heraqi-Stammes[1]. Der Stamm der Heraqis existiert heute noch und lebt im Nordirak, dessen Sheikhs die Sheikhe Shems und deren Pîrs die die Pira Fat Pîre sind[2]. Ob sie selbst dem Heraqi-Stamm angehörten ist nicht klar.

Für die Êzîden nehmen diese sieben Brüder und ihre Mutter einen besonderen Heldenstatus ein: als Sheikh Hasan, einer der bedeutendsten êzîdîschen Heiligen, von Badr al-Din Lu’lu‘, der Atabeg von Mosul, verfolgt wurde, fand er Zuflucht in dem Haus der alten Dame und ihrer sieben Söhne. Als Lu’lu’s Soldaten Sheikh Hasan abführen wollten, forderte die alte Dame ihre Söhne auf, Sheikh Hasan vor den Soldaten zu beschützen. Die Söhne zogen die Schwerter und kämpften gegen die Soldaten. In dem Gefecht sind die sieben Söhne gefallen[3]. Ihr Todesjahr müsste demnach das Jahr 1246 sein[4].

Die sieben Söhne in den êzîdîsch Texten

Für ihren Mut und ihre Tapferkeit werden die sieben Söhne der alten Dame in dem „Dua Mezin (dt. Das große Gebet)“, welches sehr bedeutende Heilige der Êzîden gewidmet ist, erwähnt. In dem Gebet heißt es:

Tû bideye xatira her heft kurêt pîrê – [Oh Herr] gib den sieben Söhne der alten Dame Wohlhaben.

Gedenkort im Heiligtum Lalish

Im Heiligtum Lalish ist den sieben Brüdern ein Ort mit sieben „Çîra (Docht-Lichter)“ gewidmet[5], die traditionell jeden Mittwoch und Freitag entzündet werden.

siebenSöhne

(Der Ehrenplatz der sieben Söhne der alten Dame im Heiligtum Lalish; Quelle: Pîr Dîma 2008)

Quellen

Edmonds, C.J.: „A pilgrimage to Lalish“, Royal Asiatic Society, 1967.

Kreyenbroek, Philip G. und Rashow, Khalil Jindy, „ God and Sheikh Adi Are Perfect: Sacred Poems and Religious Narratives from the Yezidi Tradition”, 2005, Wiesbaden.

Pîr Dîma; L. Îavasko; S. Grîgoriyêv: „Lalişa Nûranî – Peristgeha Êzidiyan“, 2008.

Sleiman, Pier Khider: “Izidians and the kurdish heritage” in der Zeitschrift „Lalish“, 26. Ausgabe, 2007, Duhok.


[1] Kreyenbroek und Rashow 2005, S. 124.

[2] Edmonds 1967, S. 81.

[3] Kreyenbroek und Rashow 2005, S. 116f;  Dîma, Îavasko und Grîgoriyêv 2008, S. 83.

[4] Sleiman 2007, S. 15; da im Jahre 1246 auch Sheikh Hasan von Lu’lu‘ ermordet wurde.

[5] Dîma, Îavasko und Grîgoriyêv 2008, S. 83.

post

„Heq ev ware!

Art. Nummer Autor Datum Aktualisierung
101 Hayrî Demir 10.09.2013

Lalish (6)„Heq ev ware“ (dt. „dies ist der rechte Ort“) ist ein bekannter Ausspruch aus den heiligen Texten der Êzîden, den sog. Qewls.

Der Ausspruch wird von Xweda, dt. Gott, getätigt, als dieser den ersten festen Ort der Erde bestimmt, die bis dahin nur aus Wasser bestand. Daher taucht der Ausspruch in den Darstellungen des êzîdîschen Schöpfungsmythos immer wieder auf.

Der besagte Ort ist der, wo das Heiligtum der Êzîden Lalish (kurd. Laliş) steht. Für die Êzîden gilt Lalish als der Nabel der Welt.

Qewlê zebûnî meksûr, S. 26
Padşa û her çar yare – der König und all seine vier Freunde
Li merkebê dibûn siware – Stiegen auf ein Schiff
Tê seyrîn çar kinare – Umfuhren die vier Himmelsrichtungen
Li Laliş sekinî, got: Heq ev ware! – In Lalish blieben sie stehen und sagten: Dies ist der rechte Ort!

Qewlê afirandina dinyaye, S. 16
Siltan Êzîd xweş rêbere – Siltan Êzîd ist ein guter Wegweiser
Laliş ko riknê beşere – Lalish ist der Nabel der Menschheit
Niha Êzîdî jê xebere – Die Êzîden sprechen nun davon

Şahsiwar – Herr der Ritter

Art. Nummer Autor Datum Aktualisiert am
257  Dîar Khalaf 14.05.2013

Name

Şahsiwar setzt sich aus dem persischen Begriff „Şah (König; Herrscher)“ und dem kurdischen Begriff „Siwar“ für „Ritter“ zusammen. Sinngemäß bedeutet der Name „Herr der Ritter[1]“.

Mythologische Stellung

Şahsiwar ist nach êzîdischer Vorstellung der „Herr der Ritter und der Schlacht[2]“, der bei Hilferufen den in Not geratenen Menschen zur Rettung eilt.

Heiligstätte und heilige Überlieferungen

In dem êzîdischen Dorf Bêban (in der Nähe von Mosul) existiert das „Quba Şahsiwar“, eine Heiligstätte die Şahsiwar gewidmet ist[3]. In dem êzîdischen sakralen Text „Dua Dirozê“, ein Gebet zu Ehren heiliger Persönlichkeiten, heißt es:

Riwalê kevin û Şahsiwarê deşta Bêbanê key[4] – Riwal Kavin und Şahsiwar in der Ebene von Bêban

In einer anderen Version heißt es auch:

Bi qedrê xasêt Bêbanê[5] – Beim Respekt der Heiligen von Bêban

Einer êzîdîschen Legende zufolge befanden sich die Êzîden in einer gefährlichen und prekären Situation als Şahsiwar ihnen zur Hilfe kam. Aus dieser Legende heraus resultiert sein Heldenstatus. Noch heute schwören die Êzîden aus dem Dorf Bêban bei seinem Namen.

Tiwafa Şahsiwar

Jährlich wird in dem Dorf Bêban das „Tiwafa Şahsiwar“ gefeiert.

Quellen

Kreyenbroek, Philip G. „Yezidism – its background, observances, and textual tradition”, 1995, Lewiston

Kreyenbroek, Philip G. und Rashow, Khalil Jindy, „ God and Sheikh Adi Are Perfect: Sacred Poems and Religious Narratives from the Yezidi Tradition”, 2005, Wiesbaden

S.A.Grîgoriyêv, L.V.Îvasko, D.V.Pîrbarî (Pîr Dîma), 2008, Basko


[1] Vgl. Kreyenbroek 1995, S. 115.

[2] Kreyenbroek 1995, S. 116.

[3] Vgl. Kreyenbroek 1995. S. 116; vgl. Grîgoriyêv, Îvasko und Pîrbarî (Pîr Dîma), 2008, S. 162.

[4] Kreyenbroek und Rashow, 2005, S. 285.

[5] „Duwa Dirozê“, abgedruckt unter: http://yeziden.de/303.0.html, zuletzt aufgerufen am 14.05.2013

Hilêl – die Qubspitze HilêlHilêlHilêl

Art. Nummer Autor Datum
99 Hayrî Demir   14.05.2013

Als Kurd. „Hilêl“, auch „Helêl“, werden die vergoldeten Spitzen der kegelförmigen Qubs bezeichnet, an denen bunte Tücher angebracht sind. Jedes Qub steht für eine heilige Persönlichkeit, kurd. Xas (dt. Khas).

Die Hilêls werden mit verschiedenfarbigen Tüchern geschmückt. Farben gelten als die Symbolisierung der Natur und stellen das Leben dar. Sie sind den Êzîden heilig.

Bedeutung der Hilêls bei der Tiwaf-Feier

Während der sog. Tiwaf-Feiern werden die bunten Tücher an den Hilêls als Teil des Tiwaf-Festes erneuert. Nach dem gemeinschaftlichen Mahl zu Ehren des Heiligen, dem das Tiwaf-Fest gilt, machen sich vor allem Jugendliche auf, um die alten Tücher der Hilêls gegen neue auszutauschen.

Die neuen Tücher werden zuvor im Heiligtum Laliș mit dem Wasser der heiligen Quelle Kanîya Sipî gesegnet. Anschließend werden sie an den Hilêls befestigt, wo sie bis zum nächsten Tiwaf-Fest verbleiben.

Hilêl in den heiligen Überlieferungen

Die Hilêls werden mehrfach in den heiligen Überlieferungen im Zusammenhang mit dem Heiligtum Laliș, den Tiwaf-Feiern sowie den Qubs erwähnt. Ein Beispiel:

Qewlê Sitîya Ês, S. 6

Helêl keskin, quba nûranî – Die Helêl sind geschmückt, die Kuppe leuchtet
Kiyameta Melek Şemsedîn – Das Wund von Melek Șemsedîn
Melek Ferxedîn, Melek Nasirdîn – Von Melek Fexredîn, Melek Nasirdîn
Melek Sicadîn fericî – in Obacht von Melek Sicadîn

 

 


Ezda

Art. Nummer Autor Datum
85 Hayrî Demir 09.05.2013

 

Bedeutung

Der kurdische Begriff „Ezda“, dt. Esda, ist einer von vielen Namen des Schöpfer-Gottes. In den heiligen Überlieferungen der Êzîden taucht er auch als „Yezdan“ oder als „Siltan Ezda“ (dt. König Ezda) auf.

Ezda setzt sich aus zwei Silben zusammen:

– kurd. „Ez“, dt. ich

– kurd. „da“ aus „dayîn“, dt. geben

Sinngemäß bedeutet Ezda demnach „Der, der mich erschaffen hat“, womit der Schöpfer-Gott gemeint ist. Der Begriff kann seinem äußeren (objektiv) und inneren (subjektiv) Wesen nach als „mein Schöpfer“ bzw. als „Der, der mich erschaffen hat“ übersetzt werden.

 

Dua Êvarê S. 1, R. 1 (subjektiv)
Ya rebî tu xwedayî, tu ezdayî – Oh Schöpfer, der sich selbst erschaffen, der mich erschaffen hat

Qewlê Xwedana S. 26 (objektiv)
Padşê minî sitar e  – Mein König bietet Schutz
Ezdanê min yekî cebar e – Mein Schöpfer ist ein Lenker
Cihê wî li hemû cih û war e – Er ist an allen Orten und Stellen anwesend

Der Name der Religionsgemeinschaft, kurd. Êzdîyatî sowie der Name der Religionsanhänger, kurd. Êzîdî, ist auf Ezda zurückzuführen.

Qewlê Xwedanan S. 12 (subj.)

Padşê min yekî mezin e – Mein König ist ein großer
Padşê hemû momin a – Er ist der König aller gelehrten
Xwedayê dinya û Ezdayê min e – er ist Der Schöpfer der Erde und mein Schöpfer

Herkunft

Ezda ist ein ursprünglich indoiranischer Begriff der primär nur von arischen Völkern gebraucht wurde. Über die Wanderung der Arier nach Nordindien fand der Begriff Ezda auch Einzug in die Rigveda, einer heiligen Schrift des Hinduismus.

In seiner mehrtausendjährigen Geschichte hat der Begriff mehrfach eine linguistische Veränderung durchlaufen. Im Sanskrit, einer arischen Sprache, taucht der Begriff Ezda als Yajatá / Yezdan auf. Später auch in der heiligen Schrift der Zoroaster als „Yazata“.

Îzet / (y)êzît / (y)êzîdî / (y)êzdî sind andere Schreibweisen für Ezda1.

Auffällig ist, dass Ezda in keiner semitischen Sprache verwendet wird. Es ist daher von einer starken Konnexion der arischen Völker mit dem Begriff Ezda auszugehen.

Quellen

1 Beghyani Shadi Sharin: „BÊŹENASIYA ZMANÊ KURDÎ YA GIŚTÎ -34“, http://www.amidakurd.com/e-pirtuk/bejenasiya-zimane-kurdi-34/ (zuletzt aufgerufen am: 09.05.2013)