Art. Nummer Autor Datum Aktualisierung
42 Hayrî Demir 10.09.2012

Name

Çarşema Sor“ ist kurdisch und bedeutet „roter Mittwoch“.

 „Çarşem“ besteht aus kurd. „çar“ für Vier und „şem“ für Woche, damit ist der „vierte der Tag der Woche“ gemeint, der der Mittwoch ist. Kurd. „sor“ bedeutet rot. Öfters bezeichnet man diesen Tag auch als kurd. „Sersal“ (kurd. „ser“ auf, Kopf und/oder oben und „sal“  Jahr), sinngemäß dt. „Neujahr“

Neujahrs-Zeit

Das êzîdîsche Neujahr wird am ersten Mittwoch im April gefeiert, was nach êzîdîschem Kalender stets auch der erste Tag im Monat April und des neuen Jahres ist. Da der êzîdîsche Kalender dem in Deutschland gültigen gregorianischen Kalender um 13 Tage nachgeht, wird das Neujahresfest am ersten Mittwoch im Monat April gefeiert, der zum oder nach dem 14. April im gregorianischen Kalender anfällt. Zur Verdeutlichung hier die Daten vier aufeinander folgender Festzeitpunkte:

Jahr 14. Tag im April nach dt. (greogorianischer) Kalender Nächster Mittwoch und 1. April nach êzîdischem Kalender
2009 14. April Dienstag 15. April Mittwoch
2010 14. April Mittwoch 14. April Mittwoch
2011 14. April Donnerstag 20. April Mittwoch
2012 14. April Samstag 18. April Mittwoch

 

 

 

 

Im Kurdischen heißt der Monat April „Nîsan“. Der erste Tag im Monat „Nîsan“ ist der „Çarşema sor“, was aus folgendem Gedichtauszug hervorgeht:

Beyta Çarşembûyê (dt. „Das Gedicht vom Mittwoch“), S. 31, Z.1:

Hat çarşembuya serê Nîsan ê – Es kam der Mittwoch am Anfang des Aprils

Mythologie (Bedeutung)

Der „rote Mittwoch“ ist nach êzîdîscher Mythologie der Tag, an dem die Schöpfung der Erde vollendet wurde:

Qewlê afirandina dinyayê (dt. heiliger Text von der Schöpfung der Erde), S.5, Z.1,2,3:

Xwedawendê me înê kir esas e – Unser Herr legte am Freitag die Grundlage (der Erde)

Şemiyê biriye kiras e – Am Samstag brachte Er den Umhang (kurd. Toka Êzî)

Çarşemê kir xilase – Am Mittwoch vollendete Er

Die Sonnenstrahlen erreichten zum ersten Mal die Erde, sodass sich das Firmament rot färbte. Daher kommt der Name „roter Mittwoch“. Desweiteren war es der Tag, an dem das Oberhaupt der êzîdischen Erzengel Tawisî Melek (dt. „Gottes Engel“) erstmals auf die Erde kam. Tawisî Melek ist der Mittelpunkt der 7 Erzengel, er repräsentiert also den Mittwoch, die Mitte der Woche bzw. die Mitte der sieben Erzengel. Diese Vorstellung stammt aus der Zeit der babylonisch-mesopotamischen Sternbeobachtung. Tawisî Meleks altes Ego, der babylonische Gott Nabû, hat hier seine Spuren hinterlassen. Der Mittwoch ist der Ruhetag der Êzîdî, ähnlich dem Sonntag für die Christen.

Beyta Çarşembûyê – Das Gedicht vom Mittwoch, S. 10, Z.1,2:

Ya Tawisî Melek tu melekê axretê û dunyayê – Oh Gottes Engel vom Jenseits und Diesseits

Tû bideye xatira çarşembûyêt her duwazide mehayê – Gib den Segen für alle Mittwoche der zwölf Monate 

Jedes Jahr, zu Çarşema Sor, kommt Tawisî Melek zur Erde um Glück und Segen für die Menschen zu bringen. Çarşema Sor steht im Zeichen des Neuanfanges, sowohl des Jahres, als auch des Lebens.

Beyta Çarşembûyê – Das Gedicht vom Mittwoch, S. 2:

çarşembû rojeke bi hisabe – Der Mittwoch ist ein bedeutungsvoller Tag

Ji ba wan meleka hatî ev cewabe – Zu den Engeln gelangte die Aufforderung

Derîyêt xêra divekirîne ji rojhelat heta rojave – Dass sie die Tore der Glückseligkeit vom Westen bis zum Osten öffnen

  Die Vollendung der Erdschöpfung erfolgte am Mittwoch:

Qewlê afirandina dinyayê – Der heilige Text von der Schöpfung der Erde, S.28:

Xwedawendê me înê kir esas e – Unser Herr legte am Freitag die Grundlage (der Erde)

şemiyê biriye kiras e – Am Samstag legte er das Geflecht (d.h. Oberfläche) darüber

Çarşemê kir xilase – Am Mittwoch vollendete Er

Der Körper des ersten Mensch Adem (dt. Adam) wurde ebenfalls am Mittwoch erschaffen. Adams Schöpfung verlief in einer sukzessiven Reihenfolge, bei der die Zusammenführung von irdischen Elementen (siehe Artikel „Vier Elemente“) und letztlich die der Seele dazu geführt haben, dass Adam lebte.

Qewlê afirandina dinyayê – Der heilige Text von der Schöpfung der Erde, S.22:

Xwedawendê me rehmanî – Unser barmherziger Herr

Çar qisim ji me re danî – Legte für uns vier Elemente (auf die Erde)

Pê dilovan Adem nijinî – Mit diesen wurde die Hülle des liebevollen Adams geformt

Der April wird von Êzîden auch die „Braut des Jahres“ (kurd. „Bûka salê“) genannt. Êzîden glauben, dass in diesem Monat die Engel heiraten. Deshalb ist es den Êzîdî untersagt eine Hochzeit noch eine Verlobung zu feiern. Die Bezeichnung „Braut des Jahres“ geht ebenfalls auf die Mythologie der alten Babylonier zurück, bei denen in dem Monat „Nissanu“ die Heirat der Götter stattfand. An diesem Tag trifft der „Dîwan“ (dt. höchster heiliger Rat) zusammen, der auf Grundlage des vergangenen Jahresverlaufes das anstehende Jahr bestimmt. In diesem Dîwan sind die sieben Erzengel anwesend. Tawisî Meleks Aufgabe als oberster Emissär ist es, die Beschlüsse des Dîwans für das anstehende Jahr zu vollziehen.

Bräuche zum Çarşema Sor

Einen Tag vor dem Roten Mittwoch werden die Vorbereitungen für das Neujahr getroffen. Es wird in jeder Familie ein Opfer in Form eines Tieres, in der Regel ein Schaf, dargebracht, was ebenfalls zum Akitu-Fest der Babylonier getan wurde. Außerdem wird ein besonders Brot namens “Sewik” gebacken. Das Brot ist bei den Êzîden, sowie bei den Juden, etwas sehr heiliges. Es werden bunte Blumen an den Hauseingängen angebracht, womit Tawisî Melek und das Neujahr begrüßt werden soll. Ein weiterer Brauch ist es, Erde mit Löwenzahn, Rosen usw. und Eierschalen zu vermischen und an die Haustür anzubringen, was das ganze Jahr über Glück bringen soll (siehe Bild).                   Ein weiterer Brauch am Tag vor dem roten Mittwoch ist das Färben von Eiern, sowie es die Christen zu Ostern tun. Das Färben von Eiern ist êzîdîschen Ursprungs. Im Êzîdentum haben diese gefärbten Eier eine besondere Bedeutung. Sie stellen die Ur-Perle dar, aus dessen Explosion das gesamte Universum entstanden ist. Sie wird als “Dur” bezeichnet. Die gefärbten Eier erinnern an die Vollendung der irdischen Schöpfung und den damit einhergehenden Beginn des Lebens. Die Schalen dieser Eier verteilen die Êzîden in der Heimat auf ihren Ackerflächen, um damit eine ertragsreiche Ernte zu erhoffen.

 

 

Im Heiligtum Laliş werden am roten Mittwoch die Kuppeln und Eingänge mit Tüchern in den Farben des roten Mittwoches geschmückt. Auch Bäume und Sträucher. Es kommen Êzîden, um sich gegenseitig zum neuen Jahr zu beglückwünschen. Ein Feqîr, ein frommer Würdenträger, bringt ein heiliges Feuer, das im Heiligtum entzündet wurde zu den wartenden Êzîden. Diese versuchen einen Docht od. kleine Fackeln mit diesem heiligen Feuer zu entzünden und loben die Schöpfung Gottes.

Die Würdenträger rezitieren am Eingang des Heiligtums Qewls. Am Abend des roten Mittwoches flackern tausende von kleinen Dochten am Heiligtum.               In Andenken an die Schöpfung der Erde werden von êzîdîschen Würdenträgern, in der Regel Pêşîmanê8, Armbänder, das sog. “Bazinbar“ (siehe Artikel „Bazinbar“) geflochten und an die Êzîden verteilt. Mit dem Bazinbar bringt der Würdenträger Wasser der heiligen „weißen Quelle“ (kurd. Kanîya sipî, siehe Artikel „Kanîya Sipî“) mit.                     Dieses Wasser stammt aus dem Heiligtum der Êzîden Laliş. Das Wassers aus der weißen Quelle, ist das Siegel zur êzîdîschen Angehörigkeit. Im Glaubensbekenntnis heißt es:

Şahda dînî – Das Glaubensbekenntnis, S.3

Pîrê min Hesin Meman e – Mein Pîr ist Hesin Meman

Hoste û merebî ji mala Baban e – Meister und Lehrer aus dem Haus der Väter

Kaniya Sipî mora min e – Die weiße Quelle ist mein Siegel

Quelle

Hayrî Demir, „Çarşema Sor – der rote Mittwoch“, http://ciwanen-ezidi.de/pdf/rotemittwoch.pdf, 15.09.2011 Im Kurdischen heißt der Monat April „Nîsan“. Der erste Tag im Monat „Nîsan“ ist der „Çarşema sor“, was aus folgendem Gedichtauszug hervorgeht:

Beyta Çarşembûyê (dt. „Das Gedicht vom Mittwoch“), S. 31, Z.1:

Hat çarşembuya serê Nîsan ê – Es kam der Mittwoch am Anfang des Aprils

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