Cimaya Şîxadî – Die Versammlung zu Ehren Şîxadîs

Art. Nummer Autor Datum
45  Hayrî Demir 15.09.2011

Name

Kurd./pers. „Cimaya“ bedeutet „Versammlung“. „Şîxadî“ od. auch „Şêxadî“ ist der Name des höchsten Heiligen im Êzîdentum, die Inkarnation des Tawisî Meleks.

Der Begriff „Cimaya Şîxadî“ bedeutet demnach sinngemäß „Die Versammlung zu Ehren Şîxadîs“.

Cejna cimaya Şîxadî

Das „Cejna cimaya Şêxadî“ ist das Fest, dass zu Ehren von Şêxadî geifert wird. Es findet vom 6. bis zum 13. Oktober statt. In diesen Tagen, so heißt es, habe Şîxadî die Welt, d.h. das Diesseits, verlassen. Als die Gemeinde davon erfuhr, besuchten sie Şîxadî in Laliş, um Ihm die letzte Ehre zu erweisen. Ihm zu Ehren wurde darauf sieben Tage getrauert. Diese sieben Tage werden bis heute als das „Cejna cimaya Şîxadî“ begangen.

Der Ort, an dem Şîxadî ins Jenseits überging, ist Laliş. Das zentrale Heiligtum der Êzîden.

Der Schrein (kurd. „Sindrûk“) Şîxadîs ist dort aufbewahrt, wie auf dem folgenden Bild abgebildet ist.

Dank der zunehmenden Sicherheit können immer mehr Êzîden aus der Diaspora zum Cimaya Şîxadî pilgern. Sie feiern zusammen mit den in Laliş und Umgebung ansässigen Êzîden.

Einige Bräuche

Wie auf dem Bild vom Schrein Şîxadîs zu sehen ist, sind bunte Tücher am Schrein angebracht. Die Pilger binden einen Knoten in ein Tuch und wünschen sich etwas, in der Hoffnung, dass Şîxadî bzw. Tawisî Melek ihren Wunsch erfüllt. Die nachfolgenden Pilger entknoten die Tücher, sodass der Wunsch des vorherigen Pilgers in Erfüllung geht und anschließend binden sie selbst einen Knoten.

Zum Cimaya Şîxadî wird die Bahre, auf der Şîxadî saß, herumgeführt. Die Pilger versuchen, diese Bahre zu berühren, um gesegnet zu werden. Die Bahre wird zur heiligen Quelle „Kanîya sipî“ gebracht und dort gereinigt.

Der älteste Brauch ist die Opferung eines Bullen. Dieser Bulle muss einen weißen Fleck auf der Stirn tragen. Er wird ein Schauspiel inszeniert, wie zunächst einige Pilger versuchen, den Bullen zu stehlen. Die Anwesenden restlichen Pilger halten diese „Diebe“ auf und bringen den Bullen zurück. Danach wird er geschlachtet und mit dem Fleisch wird das „Simat“ (Fleisch des Bullen mit Reis) zubereitet und anschließend unter den Anwesenden verteilt.

Dieser Brauch geht in die Zeit zurück, als die Mithra Anhänger einen Bullen zu Ehren der

Gottheit Mithra in ähnlicher Weise geopfert haben. Die Mithra Anhänger gelten unter anderem als die Vorfahren der Êzîden.

Außerdem findet am Cimaya Şêxadî die „Sema“ statt. Zur „Sema“ versammeln sich die Pilger am Eingang zum Schrein von Şêxadî und beobachten die anstehende Prozession

Die Würdenträger setzen sich an beide Seiten des Einganges zum Schrein. Die religiösen Sänger, die Qewals, sind ebenfalls anwesend. Sie warten auf das Zeichen, damit sie beginnen können, ein bestimmtes Gebet aufzusagen. In diesem Moment bringt der Feqîr (ein religiöser Asket) aus dem Heiligtum eine Öllampe (kurd. „Çeqeltu“) und setzt sie in die Mitte des Hofes. Sie wird angezündet.

Ein weiterer Feqîr begibt sich zum Schrein, um sich die „Tac û hilê“, die Kopfbedeckung und den Baumwollmantel Şîxadîs überzuziehen.

Während der Feqîr den Schrein wieder verlässt, erheben sich alle Anwesenden. Der Feqîr führt einen religiösen Tanz auf. Dabei führt er seine rechte Hand langsam auf die linke Schulter und wechselt ebenfalls langsam die Hand zur linken und führt diese zur rechten Schulter. Dieser Tanz soll die Reinheit des Herzens symbolisieren. Die Würdenträger erheben sich und reihen sich hinter dem führenden Feqîr auf und führen denselben Tanz vor. Die „Sema“ wird als Tanz der Engel bezeichnet, mit Şîxadî, d.h. Tawisî Melek an der Spitze.

Die Musik, die die Qewals spielen, wird schneller und lauter. Während der führende Feqîr, der Tawisî Melek symbolisiert, sich den Qewals nähert, reiht sich eine zweite Reihe dem Zug an. Ebenfalls mit demselben religiösen Tanz und Rhythmus.

Es wird dreimal die Öllampe umkreist, bis der führende Feqîr am Eingang des Schreins stoppt. Die hinterher gehenden Würdenträger bleiben ebenfalls stehen und jeder einzelne küsst die „Tac û hilê“ Şîxadî.

Quellen

Pîr Dîma, „Lalişa Nûranî“, Yêkatêrînbûrg: Basko, 2008.— 216 rr., wêne, ISBN 978-5-91356-048-3

Hayrî Demir, „Êzîdische Feiertage“, http://www.ciwanen-ezidi.de/pdf/Ezidische_Feiertage.pdf, 15.09.2011

Eszter Spär, „Images and Symbols of the Supernatural and Sacred Objects among the Kurdish Yezidis”, http://www.personal.ceu.hu/students/09/Eszter_Spat/index.htm, 15.09.2011

Çarşema Sor – Das Neujahrsfest

 

Art. Nummer Autor Datum Aktualisierung
42 Hayrî Demir 10.09.2012

Name

Çarşema Sor“ ist kurdisch und bedeutet „roter Mittwoch“.

 „Çarşem“ besteht aus kurd. „çar“ für Vier und „şem“ für Woche, damit ist der „vierte der Tag der Woche“ gemeint, der der Mittwoch ist. Kurd. „sor“ bedeutet rot. Öfters bezeichnet man diesen Tag auch als kurd. „Sersal“ (kurd. „ser“ auf, Kopf und/oder oben und „sal“  Jahr), sinngemäß dt. „Neujahr“

Neujahrs-Zeit

Das êzîdîsche Neujahr wird am ersten Mittwoch im April gefeiert, was nach êzîdîschem Kalender stets auch der erste Tag im Monat April und des neuen Jahres ist. Da der êzîdîsche Kalender dem in Deutschland gültigen gregorianischen Kalender um 13 Tage nachgeht, wird das Neujahresfest am ersten Mittwoch im Monat April gefeiert, der zum oder nach dem 14. April im gregorianischen Kalender anfällt. Zur Verdeutlichung hier die Daten vier aufeinander folgender Festzeitpunkte:

Jahr 14. Tag im April nach dt. (greogorianischer) Kalender Nächster Mittwoch und 1. April nach êzîdischem Kalender
2009 14. April Dienstag 15. April Mittwoch
2010 14. April Mittwoch 14. April Mittwoch
2011 14. April Donnerstag 20. April Mittwoch
2012 14. April Samstag 18. April Mittwoch

 

 

 

 

Im Kurdischen heißt der Monat April „Nîsan“. Der erste Tag im Monat „Nîsan“ ist der „Çarşema sor“, was aus folgendem Gedichtauszug hervorgeht:

Beyta Çarşembûyê (dt. „Das Gedicht vom Mittwoch“), S. 31, Z.1:

Hat çarşembuya serê Nîsan ê – Es kam der Mittwoch am Anfang des Aprils

Mythologie (Bedeutung)

Der „rote Mittwoch“ ist nach êzîdîscher Mythologie der Tag, an dem die Schöpfung der Erde vollendet wurde:

Qewlê afirandina dinyayê (dt. heiliger Text von der Schöpfung der Erde), S.5, Z.1,2,3:

Xwedawendê me înê kir esas e – Unser Herr legte am Freitag die Grundlage (der Erde)

Şemiyê biriye kiras e – Am Samstag brachte Er den Umhang (kurd. Toka Êzî)

Çarşemê kir xilase – Am Mittwoch vollendete Er

Die Sonnenstrahlen erreichten zum ersten Mal die Erde, sodass sich das Firmament rot färbte. Daher kommt der Name „roter Mittwoch“. Desweiteren war es der Tag, an dem das Oberhaupt der êzîdischen Erzengel Tawisî Melek (dt. „Gottes Engel“) erstmals auf die Erde kam. Tawisî Melek ist der Mittelpunkt der 7 Erzengel, er repräsentiert also den Mittwoch, die Mitte der Woche bzw. die Mitte der sieben Erzengel. Diese Vorstellung stammt aus der Zeit der babylonisch-mesopotamischen Sternbeobachtung. Tawisî Meleks altes Ego, der babylonische Gott Nabû, hat hier seine Spuren hinterlassen. Der Mittwoch ist der Ruhetag der Êzîdî, ähnlich dem Sonntag für die Christen.

Beyta Çarşembûyê – Das Gedicht vom Mittwoch, S. 10, Z.1,2:

Ya Tawisî Melek tu melekê axretê û dunyayê – Oh Gottes Engel vom Jenseits und Diesseits

Tû bideye xatira çarşembûyêt her duwazide mehayê – Gib den Segen für alle Mittwoche der zwölf Monate 

Jedes Jahr, zu Çarşema Sor, kommt Tawisî Melek zur Erde um Glück und Segen für die Menschen zu bringen. Çarşema Sor steht im Zeichen des Neuanfanges, sowohl des Jahres, als auch des Lebens.

Beyta Çarşembûyê – Das Gedicht vom Mittwoch, S. 2:

çarşembû rojeke bi hisabe – Der Mittwoch ist ein bedeutungsvoller Tag

Ji ba wan meleka hatî ev cewabe – Zu den Engeln gelangte die Aufforderung

Derîyêt xêra divekirîne ji rojhelat heta rojave – Dass sie die Tore der Glückseligkeit vom Westen bis zum Osten öffnen

  Die Vollendung der Erdschöpfung erfolgte am Mittwoch:

Qewlê afirandina dinyayê – Der heilige Text von der Schöpfung der Erde, S.28:

Xwedawendê me înê kir esas e – Unser Herr legte am Freitag die Grundlage (der Erde)

şemiyê biriye kiras e – Am Samstag legte er das Geflecht (d.h. Oberfläche) darüber

Çarşemê kir xilase – Am Mittwoch vollendete Er

Der Körper des ersten Mensch Adem (dt. Adam) wurde ebenfalls am Mittwoch erschaffen. Adams Schöpfung verlief in einer sukzessiven Reihenfolge, bei der die Zusammenführung von irdischen Elementen (siehe Artikel „Vier Elemente“) und letztlich die der Seele dazu geführt haben, dass Adam lebte.

Qewlê afirandina dinyayê – Der heilige Text von der Schöpfung der Erde, S.22:

Xwedawendê me rehmanî – Unser barmherziger Herr

Çar qisim ji me re danî – Legte für uns vier Elemente (auf die Erde)

Pê dilovan Adem nijinî – Mit diesen wurde die Hülle des liebevollen Adams geformt

Der April wird von Êzîden auch die „Braut des Jahres“ (kurd. „Bûka salê“) genannt. Êzîden glauben, dass in diesem Monat die Engel heiraten. Deshalb ist es den Êzîdî untersagt eine Hochzeit noch eine Verlobung zu feiern. Die Bezeichnung „Braut des Jahres“ geht ebenfalls auf die Mythologie der alten Babylonier zurück, bei denen in dem Monat „Nissanu“ die Heirat der Götter stattfand. An diesem Tag trifft der „Dîwan“ (dt. höchster heiliger Rat) zusammen, der auf Grundlage des vergangenen Jahresverlaufes das anstehende Jahr bestimmt. In diesem Dîwan sind die sieben Erzengel anwesend. Tawisî Meleks Aufgabe als oberster Emissär ist es, die Beschlüsse des Dîwans für das anstehende Jahr zu vollziehen.

Bräuche zum Çarşema Sor

Einen Tag vor dem Roten Mittwoch werden die Vorbereitungen für das Neujahr getroffen. Es wird in jeder Familie ein Opfer in Form eines Tieres, in der Regel ein Schaf, dargebracht, was ebenfalls zum Akitu-Fest der Babylonier getan wurde. Außerdem wird ein besonders Brot namens “Sewik” gebacken. Das Brot ist bei den Êzîden, sowie bei den Juden, etwas sehr heiliges. Es werden bunte Blumen an den Hauseingängen angebracht, womit Tawisî Melek und das Neujahr begrüßt werden soll. Ein weiterer Brauch ist es, Erde mit Löwenzahn, Rosen usw. und Eierschalen zu vermischen und an die Haustür anzubringen, was das ganze Jahr über Glück bringen soll (siehe Bild).                   Ein weiterer Brauch am Tag vor dem roten Mittwoch ist das Färben von Eiern, sowie es die Christen zu Ostern tun. Das Färben von Eiern ist êzîdîschen Ursprungs. Im Êzîdentum haben diese gefärbten Eier eine besondere Bedeutung. Sie stellen die Ur-Perle dar, aus dessen Explosion das gesamte Universum entstanden ist. Sie wird als “Dur” bezeichnet. Die gefärbten Eier erinnern an die Vollendung der irdischen Schöpfung und den damit einhergehenden Beginn des Lebens. Die Schalen dieser Eier verteilen die Êzîden in der Heimat auf ihren Ackerflächen, um damit eine ertragsreiche Ernte zu erhoffen.

 

 

Im Heiligtum Laliş werden am roten Mittwoch die Kuppeln und Eingänge mit Tüchern in den Farben des roten Mittwoches geschmückt. Auch Bäume und Sträucher. Es kommen Êzîden, um sich gegenseitig zum neuen Jahr zu beglückwünschen. Ein Feqîr, ein frommer Würdenträger, bringt ein heiliges Feuer, das im Heiligtum entzündet wurde zu den wartenden Êzîden. Diese versuchen einen Docht od. kleine Fackeln mit diesem heiligen Feuer zu entzünden und loben die Schöpfung Gottes.

Die Würdenträger rezitieren am Eingang des Heiligtums Qewls. Am Abend des roten Mittwoches flackern tausende von kleinen Dochten am Heiligtum.               In Andenken an die Schöpfung der Erde werden von êzîdîschen Würdenträgern, in der Regel Pêşîmanê8, Armbänder, das sog. “Bazinbar“ (siehe Artikel „Bazinbar“) geflochten und an die Êzîden verteilt. Mit dem Bazinbar bringt der Würdenträger Wasser der heiligen „weißen Quelle“ (kurd. Kanîya sipî, siehe Artikel „Kanîya Sipî“) mit.                     Dieses Wasser stammt aus dem Heiligtum der Êzîden Laliş. Das Wassers aus der weißen Quelle, ist das Siegel zur êzîdîschen Angehörigkeit. Im Glaubensbekenntnis heißt es:

Şahda dînî – Das Glaubensbekenntnis, S.3

Pîrê min Hesin Meman e – Mein Pîr ist Hesin Meman

Hoste û merebî ji mala Baban e – Meister und Lehrer aus dem Haus der Väter

Kaniya Sipî mora min e – Die weiße Quelle ist mein Siegel

Quelle

Hayrî Demir, „Çarşema Sor – der rote Mittwoch“, http://ciwanen-ezidi.de/pdf/rotemittwoch.pdf, 15.09.2011 Im Kurdischen heißt der Monat April „Nîsan“. Der erste Tag im Monat „Nîsan“ ist der „Çarşema sor“, was aus folgendem Gedichtauszug hervorgeht:

Beyta Çarşembûyê (dt. „Das Gedicht vom Mittwoch“), S. 31, Z.1:

Hat çarşembuya serê Nîsan ê – Es kam der Mittwoch am Anfang des Aprils

Bisk

Art. Nummer Autor Datum
41  Hayrî Demir 28.08.2011

Name

Kurd. „Bisk“ bedeutet „Haarsträhne“ od. „Locke“.

Tradition und Bedeutung des Bisk

Die „Bisk“ wird nur bei männlichen Êzîdî praktiziert. In der Regel wird die Bisk im ersten Lebensjahr vollzogen. Die Monatszahl zu der die Bisk durchgeführt wird, muss ungerade sein. Meistens findet diese im 7., 9. oder 11. Lebensmonat statt.

Bei der Bisk wird dem Jungen von seinem zuständigen Şêx (Şêxê biskê)an drei verschiedenen Stellen „Haarsträhnen“, daher der Name Bisk, abgeschnitten. Währenddessen spricht er das êzîdîsche Gebet zum Anlass der Bisk, den Qewlê bisk. Solange die Bisk nicht vollzogen ist, ist es untersagt, die Haare des Kindes selbst zu schneiden. Die Haarsträhnen bewahrt der Şêx bei sich auf. Sollte der zuständige Şêx verhindert sein, so kann auch der Pîr der Familie die Bisk übernehmen.

Die Bisk ist zum einen die Taufe, die die Zugehörigkeit zur êzîdîschen Religion bekräftigt, zum anderen ein Segen zum gesunden Wachstum des Jungen und gleichzeitig bezeugt es, welcher Şêx in Zukunft für den Jungen und seine Familie zuständig ist.

Die Bisk ist für jeden männlichen Êzîdî Pflicht. Frauen sind davon ausgenommen, weil es als ein Tabu gilt, dass die Haare einer Frau geschnitten werden, was bei der Bisk der Fall ist. Ebenso ändert sich auch die Zugehörigkeit des Şêxs, sobald das Mädchen heiratet und Teil der Familie des Mannes wird. Die Mädchen werden stattdessen mit dem Wasser der heiligen Quelle „Kanîya sipî“ geweiht. Ebenfalls aus demselben Grund und mit derselben Bedeutung.

Besonderheit

Die Bisk ist dann überflüssig, wenn das Kind mit dem „Siegel zur êzîdîschen Zugehörigkeit“ gesegnet wird. Dies nennt man „mor kirin“, aus dem kurd. „Mor“ für „Siegel“ (siehe Hauptartikel „mor kirin“)

Quelle

Dr. Eskerê Boyik, “Bisk hildan” di kov.Laliş, N 5; 1997, 28.08.2011

Kemal Tolan, im Forum www.yeziden.de unter dem Titel „Bisk hilanîn“, http://yeziden.de/forum/board8-yeziden/board36-religion/464-warum-keine-taufe-bei-den-weiblichen/#post4456, 28.08.2011

Birayê û xweha axretê – Jenseitsbruder/-schwester

Art. Nummer Autor Datum
40  Hayrî Demir 28.08.2011

Name

Kurd. „Birayê axretê“ bzw. „Xweha axretê“ bedeutet „Bruder des Jenseits“ bzw. „Schwester des Jenseits“, sinngemäß „Jenseitsbruder“ bzw. „Jenseitsschwester“. Aus dem kurdischen „bira“ bzw. „xweh“  für Bruder bzw. Schwester und kurd. „axret“ für Jenseits.

Auswahl

Jeder Êzîdî ist zu Lebzeiten dazu verpflichtet, sich einen Jenseitsbruder/-schwester auszuwählen. In der Regel wird dabei ein Êzîdî aus einer anderen Gruppe (Şêx, Pîr, Mirîd) ausgewählt. Die Auswahl erfolgt aus freiem Willen. Es ist nicht vorbestimmt, wer der/die Jenseitsbruder/-schwester wird. Diese Auswahl ist für jeden Êzîdî eine religiöse Pflicht. Die Auswahl des/der Jenseitsbruders/-schwester ist eine der 5 Grunpflichten, kurd. „Pênc ferzen heqîqetê“ (siehe Hauptartikel).

Es spielt dabei keine Rolle, ob man sich eine weibliche oder eine männliche Person auswählt.

Bedeutung

Der heilige Schutzpatron des Jenseitsbruder bzw. der Jenseitsschwester trägt im Jenseits die moralische Mitverantwortung für die Taten des Anderen. Ausgeschlossen von dieser Mitverantwortung sind jedoch die drei unerlaubten Handlungen Terîqat, Şirîaat und Derba Xirqe.

Der Jenseitsbruder bzw. die Jenseitsschwester steht der Seele als Unterstützung bei, sobald er sich für seine Taten rechtfertigen muss.

Die Auswahl sollte immer auf eine Person aus einer anderen Gruppe fallen. Z.B. sollte ein Mirîd einen Pîr oder einen Şêx auswählen, ein Pîr einen Mirîd oder Şêx und ein Şêx einen Mirîden oder einen Pîr. Sollte ein Mirîd einen anderen Mirîden zu seinem Jenseitsbruder bzw. Jenseitsschwester machen, so ist es für beide Familien für sieben folgende Generationen verboten untereinander zu heiraten. Deshalb sollte die Auswahl auf eine andere Gruppe fallen, bei der eine Heirat ohnehin nicht erlaubt ist.

Insofern fördert dieses Gebot das Kollektivbewusstsein eines Êzîdî. Er trägt nun nicht alleine die Verantwortung für seine Taten. Desweiteren unterstützt es den Austausch zwischen den Gruppen der Êzîden.

Bihişt – Paradies

Art. Nummer Autor Datum
39  Hayrî Demir 28.08.2011

Kurd. „Bihişt“ bedeutet „Paradies“, oft auch als „Cinnet“ bezeichnet.

Im Êzîdentum hat Xwedê (dt. sinngemäß „Gott“) das Paradies erschaffen.

Qewlê afirandina dinyayê (dt. „Schöpfung der Erde”), S.1, Z. 7, 8:[1]

Tu hostayê her tiştî – Du bist der Meister aller Dinge
Bihuşt çêkir renge bî – Das Paradies erschufst Du mit prächtigen Farben

Bazinbar – Frühlingsband

Art. Nummer Autor Datum
27  Hayrî Demir 13.08.2011

Name

Kurd. „Bazinbar“, dt. „Armband“.

Bedeutung

Das Bazinbar wird zum Çarşema Sor (1. April im êzîdîschen Kalender) von êzîdîschen Würdenträgern, in der Regel von einem Pêşîman, an die Êzîden verteilt. Zudem bringt der Würdenträger Wasser aus der Kanîya Sipî (dt. „Weiße Quelle“) mit. Das Bazinbar ist ein mit Baumwollfäden zusammengeflochtenes Band. Traditionell wird das Bazinbar in den Farben Rot und Weiß getragen. Das Bazînbar soll seinen Träger vor Unglück und Unheil beschützen.

(Şerfe-)Dîn

Art. Nummer Autor Datum
67  Hayrî Demir 19.09.2011

Name

Kurd. Nomen „Dîn“ für „Glaube“.

Bedeutung

In der êzîdischen Religion trägt der Glaube die personifizierte bzw. präzisierte und konkretisierte Bezeichnung „Şerfedîn“.

Kurd. „Şerfedîn“ bedeutet sinngemäß „reiner Glaube/Religion“ bzw. wörtlich „kämpfende(r) Glaube/Religion“

Der Schwur des „Şerfedîn“:


Şahda dînî, dt. Glaubensbekenntnis, S.1, Z.1:
Şehda dînêmin yek xweda ye  – Der Schwur meines Glaubens ist ein Gott

 Der Monotheismus ist grundlegend für die êzîdische Mythologie und der Schwur auf einen Gott deshalb der ständige Kampf für den rechten Glauben.

Dass der Glaube Şerfedîn heißt, wird im folgenden Auszug deutlich:


Qewlê Qendîla, dt. religiöser Text der Heiligen, S. 31, Z.3, S. 32, Z.1:
Me dîn Şerfedîn atqat siltan Êzîd e – Unser Glaube Şerfedîn ist der Glaube an Siltan Êzîd
Em di kêmîn Xwedê yî temam e – Wir sind unvollkommen, Gott ist vollkommen

Atqat Siltan Êzîd ist demnach wiederum der Glaube des Şerfedîn (siehe Artikel Atqat).

Derba Xerqe – Verbot von Gewalt gegenüber Würdenträgern

Art. Nummer Autor Datum
57  Hayrî Demir 19.09.2011

Name

Kurd. „Derba xerqe“ bedeutet sinngemäß „Verbot von Gewalt gegenüber Würdenträgern“, aus dem kurd. „Derb“ für „Schlag“ und der êzîdischen Bezeichnung „Xerqe“ (dt. „religiöser Umhang“, den Şêxadî trug) als Synoym für Mala Adîyan (Alle Würdenträger), sprich die Würdenträger.

Bedeutung

„Derba Xerqe“ ist eines von drei grundlegenden Geboten, deren Verstoß die Folge hat, dass man aus der êzîdischen Gemeinschaft bzw. Religion ausgestoßen wird.

Dieses Gebot untersagt jegliche gewalttätigen Handlungen und Beleidigungen eines Êzîden gegenüber einem Würdenträger (Şêx od. Pîr). Insbesondere einer Person gegenüber, die das Xerqe trägt.

Dara Xewê – Der Traumbaum

Art. Nummer Autor Datum
50  Hayrî Demir 15.09.2011

Name

Kurd. „Dara Xewê“ bedeutet sinngemäß „Traumbaum“ bzw. „Baum des Traumes“. Vom kurdischen „dar“ für Baum und kurd. „xewn“ für Traum.

Bedeutung

Der „Dara Xewê“ steht unweit von der heiligen Quelle Kanîya sipî. Wie alle Bäume u.Ä. in Laliş, hat auch dieser Baum eine besondere Bedeutung.

Der „Dara Xewê“ wird von Eltern aufgesucht, deren Kinder an Schlaflosigkeit leiden. Es wird vom Traumbaum ein wenig Rinde eines Astes in die Wiege des Kindes gelegt, um so die Leiden des Kindes zu mildern.

Quelle

D. Pîrbehrî (Pîr Dîma), L. Îavasko û S. Grîgoriyêv, „Lalişa Nûranî“, ISBN 978-5-91356-048-3

Dahir û Batin

Art. Nummer Autor Datum
49  Hayrî Demir 15.09.2011

Name

Kurd. „Dahir û Batin“ bedeutet „Dies- und Jenseits“ (kurd. „dahir“ für Diesseits, kurd. „batin“ für Jenseits).

Vorstellung und Bedeutung

Dahir û Batin sind zwei gleichzeitig existierende „Welten“. Die eine, Dahir, ist die irdische, materialistische Welt. Die andere, Batin, die spirituelle, unvergängliche.

In der êzîdischen Mythologie spielt die Vorstellung von Dahir û Batin besonders dann eine grundlegende Rolle, wenn es um Heilige Personen geht.

Man glaubt z.B. dass der êzîdîsche Heilige Şêxadî (Şîxadî) die Inkarnation Tawisî Meleks ist/war. Şîxadî war der Körper (Dahir!), Tawisî Melek die Seele (Batin!). Deswegen spricht man bei Ableben des Körpers nicht vom Tod, sondern vom „kirasguhertin“, dt. Kleiderwechsel (kurd. „kiras“ für Kleid und kurd. „guhertin“ für Wechsel).

Die Gruppe der Şêxs repräsentieren im Dahir, also im Diesseits, je Untergruppe sechs der sieben Erzengel. Diese sind die folgenden:

Die Şêxê Şêx Adanî repräsentieren den Erzengel (1.) Esrafîl, der den Namen Melek Şêxsin trägt.

Die Şêxê Şêx Şemsanî repräsentieren mit ihren vier Untergruppen:

(2.) Ezrayîl = Melek Nasirdîn
(3.) Cibrayîl = Melek Sicadîn
(4.) Mîkayîl = Melek Fexredîn
(5.) Şemqayîl = Melek Şêşims

Die Şêxê Şêx´û´bekir repräsentieren (6.) Derdayîl, der den demnach den Namen Melek Şêxûbekir trägt.

Der siebte und oberste Erzengel Tawisî Melek (dt. „Gottes Engel“) wird von der Gesamtheit der insgesamt 40 Pîrgruppen repräsentiert. Die Pîrê çil Pîra Pîrê Hesen Meman sind die älteste religiösen Würdenträgergruppe der êzîdîschen Religion, die ihr Amt als Oberhaupt der êzîdîsche Gemeinde bereits vor dem Auftreten von Şêx Adî ausübten.

Dahir û Batin ist somit grundlegend für die religiöse Legitimation der êzîdischen Gesellschaftsstruktur. Sie überträgt den Würdenträger ihre Pflicht und verpflichtet ebenso die restliche êzîdische Gemeinde, diese als Würdenträger anzuerkennen.

Religiöse Ämter sind jedoch nicht alleine den Pîr- und Şêxgruppen vorbehalten. Jeder Êzîdî kann, wenn er die Voraussetzungen mit sich bringt, ein bestimmtes religiöses Amt bekleiden. Auch sehr bedeutungsvolle (siehe Koçek od. Bavê Şêx)

Quellen

Pîr Xidir Silêman, „Milyaket di bawerîya Êzîdiyan de“, http://www.yeziden.de/248.0.html, 16.09.2011