post

Kirasguhertin

Art. Nr. Autor Datum
92 Hayrî Demir 28.11.2016

Das sogenannte „kirasguhertin“ ist ein zentraler Begriff der êzîdîschen Mythologie über den Werdegang des Körper und der Seele nach dem Ableben eines Menschen. Der Begriff setzt sich aus den Wörtern „kiras“ für Kleid und „guhertin“ für Wechsel zusammen und beschreibt den Übergang der Seele in das Unendliche, während der Körper zu seinem Ursprung, der Erde, zurückkehrt und stirbt. Der Oberbegriff innerhalb der êzîdîschen Lehre ist die Vorstellung vom Dahir und Batin.

Leib-Seele-Theorie

Der französische Philosoph René Descartes prägte die Leib-Seele-Theorie, die, mit wenigen Abstrichen, mit der Vorstellung der êzîdîschen Lehre übereinstimmt. Demnach stehen Körper als materielles Sein und Seele als immaterielles Sein in Wechselwirkung zueinander. Diese Dualität wird bereits im Schöpfungsmythos der Êzîden dahingehend beschrieben, als dass der Körper aus den materiellen – und somit vergänglichen –  Elementen der Erde geschaffen wurde, während die Seele aus dem sogenannten „havêna sunetê“, der Hefe der Erkenntnis oder auch Saatgut der Engel genannt, erschaffen wurde. Die Wechselwirkung zwischen den körperlichen und den geistigen Trieben findet nach êzîdîscher Vorstellung im Verstand, also im Gehirn, statt. Dort trifft ein Mensch dann auch seine Entscheidungen, für die er selbst verantwortlich ist.

Die unsterbliche Seele

Die Seele ist anders als der Körper unsterblich. Folglich endet die Existenz der Seele nicht mit dem Tod eines Menschen. Nach êzîdîscher Religionslehre findet ein „Kleiderwechsel“ (kirasguthertin) statt, indem die Seele sich vom Körper trennt und in das immaterielle Dasein (Batin) übergeht. Es kann dann zu einer Seelenwanderung kommen, indem die Seele in einem anderen Körper wiedergeboren wird, was jedoch nicht der Regelfall ist.

Vielmehr wird nur jene Seele wiedergeboren, die sich während ihres Daseins auf der Erde nicht mit schlechten Taten befleckt hat. Das sind nach êzîdîscher Vorstellung vor allem die Seelen frommer Menschen, die sich dem Materiellen entsagt haben.

Der Kleiderwechsel

Entsprechend kann es daher zu einer Reinkarnation kommen. Die als rein geltende Seele wird in dem Körper eines frommen Menschen wiedergeboren. So wird etwa Sheikh Adi, der bedeutendste Heilige der Êzîden, als die Reinkarnation des Tawisî Meleks bezeichnet.